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Wendungen der Rede zu gebrauchen, dem Stil ein altertümliches Kolorit zu geben, ruft beinahe auf jeder Seite den Widerspruch des Lesenden hervor. Nur schlecht stimmt nämlich mit dieser Altertümelei der Gedanke zusammen. Alt oder besser altmodisch ist die Tracht zugeschnitten, aber ein anderer Mensch steckt darin.“„Einfacher, schlichter, natürlicher ist die zweite Erzählung von Ingraban dem Heiden.“„Wenn freilich Freytag hinter Scheffels Ekkehard zurückbleibt, so scheint mir dies darin zu liegen, daſs Scheffel naiver zu Werke gieng, Freytag aber absichtlicher uns belehren will. Für sich allein betrachtet gehört Ingraban zu den besten und am reichsten ausgeführten Bildern aus der deutschen Vergangenheit..... Milſslungener ist Ingo. Ob nicht das epische Gedicht allein Anspruch und Anrecht auf diese fernabliegenden Zeiten hätte? Daher der homerische, der Nibelungen- ton, der uns anklingt..... Seine Phantasie gefällt sich in einer Verschönerungskunst u. s. w.“„Indem Freytag die Römer, ihre Bildung und ihr Verderbnis von seinen„wilden Männern“ fernhält, hat er sich um den einzigen Gegensatz gebracht, der in uns Teilnahme für sie hervorrufen konnte; indem er in Ingraban den ersten seelischen Kampf unseres Volkes aufgriff, hat er ein bedeutsames Kunstwerk gedichtet.“
In der„Kölnischen Zeitung“ 1872, 29. November, Nr. 32(3. Blatt) gibt A. Bacmeister eine schöne, die Hauptmomente, Motive und Höhen bestimmt hervorhebende Entwickelung des Inhalts von„Ingo“, wenn er sie auch bescheiden nur ein„notdürftig aufgeschlagenes Stangengerüst“ nennt.— In einem Vergleich mit Scheffels„Ekkehard“ gibt er diesem den Preis. Hier treten uns die Personen„so überraschend lebhaft und sym- pathisch nahe“, hier„wähnen wir fast unter unseres gleichen zu sein, im„Ingo“ sind wir unter andern Leuten. Es fragt sich aber nicht, was historisch richtiger, sondern was poetisch d. h. menschlich wirksamer ist.“„Für den Dichter, wenn er nämlich ein echter ist, sind alle Zeiten gleich, die älteste, wie die jüngste..... Es wird ihm aus allen noch so verschiedenen Umgebungen u. s. w. immer nur das eine hervorgehen: der Mensch in der Schönheit seiner ewig und überall gleichen Gefühle und Leidenschaften. Darin ruht die ewige Gröſse des Homer.“„Trotz aller sinnvoll bemessenen Anwendung der äuſseren Mittel, welche dem Verfasser seine reiche Bildung und sein feiner Kunstsinn zur Verfügung stellen, vermochte uns seine auf althistorischem Hintergrunde frei erfundene Einzelgeschichte im grofsen und ganzen nicht mit jener unmittelbaren Gewalt zu erfassen, wie es die wahrhafte Dichtung soll. Es ist dem Dichter seine Absicht nicht gelungen, das geschichtliche und kulturgeschichtliche Element vollständig in Stoff und Pathos der Poesie aufzulösen, die Zeit und die Menschen dieser Erzählung gehen nicht voll in einander auf, sondern sie laufen neben einander her, und wir schauen statt einer uns ganz und einfach ergreifenden künstlerischen Einheit zwei Bilder, ein kulturhistorisches und ein individuelles; wir hören zwei Geschichten, eine nationale und eine persönliche!.... Der Dichter hat sich trotz entgegengesetzter Vorsätze vom Historiker imponieren lassen und hat nicht gewagt— oder nicht vermocht?— die Geschichte zu durchbrechen d. h. zu ergänzen und das Geschlecht jener Zeit vom Kopf bis zum Fuſs in den Strom der poetischen Empfindung zu tauchen. Daher die Achillesferse dieses Romans, die aber schon an der Herzgrube anfängt.“


