15
Bisinos Hofe erinnert an den Empfang der Burgunder bei den Hunnen. Die leidenschaftliche Gisela hat in der Person des Bisino ihren Etzel zur Seite, zu dem Etzel im Walthari- liede manche Züge liefert. Berthar und Wolf halten Wache(S. 152 ff.) wie Hagen und Volker, und dieser ist der Sänger am Hofe wie Volkmar. Irmgards Bruder ist im Kampfe gefallen(S. 98) wie Nodung, der Bruder Dietlindes. Auch im Nibelungenliede tritt das Motiv der Treue zwischen König und Mannen ganz ähnlich hervor: wie Ingo seine Gefolg- schar, so steht dem Dietrich von Bern das Geschlecht der Wölfinge zur Seite, Ingos Berthar erinnert an den alten Hildebrand. Wie aber am Ende die feindlichen Scharen heranziehen, in ihrer Mitte als Leiterin des Verderbens Gisela, die furchtbare Königin, das ist Kriemhilds Rache, und der Vernichtungskampf gegen Ingo und die Seinen gleicht dem Vernichtungs- kampf gegen die Burgunden am Ende des Nibelungenliedes, beide der Götterdämmerung vergleichbar.— An Gudrun im Gudrunliede, wie sie zu niederer Arbeit gezwungen ist und halbnackt am Gestade von den Königen getroffen wird, erinnert Irmgard wie sie sich zur Mägdearbeit bequemt und halbentblöfst von Gisela am Quell gefunden wird, wo Gisela Züge der Gerlinde zeigt. Beide leiden um der Liebe und Treue willen.—
„Freytags bester Bundesgenosse ist aber jedenfalls Homer“, wie Scherer sagt*), Ingo ist ein Gegenbild verwandter Art zur Odyssee, ähnliche Kulturzustände hier wie dort,— und doch Ingo wieder ein ganz Neues und Höheres(Frick). Besonders erinnern die beiden ersten Kapitel des Ingo fast auf jeder Seite an Homer und bieten eine Reihe von Bildern, die selbst in ihrer Aufeinanderfolge den Homerischen in Buch 6—8 der Odyssee gleichen**). Ingo ist ein deutscher Odysseus, der heimatlos an den gastlichen Herd kommt, Irmgard ist die deutsche Nausikaa. Ihr, die mit ihren Mädchen in häuslicher Pflicht begriffen, begegnet er gleich anfangs, Gnade und Hülfe suchend.„Du kennst sie leicht heraus“, sagt der Wächter zu Ingo, und ebenso heilſst es bei Homer von Nausikaa:„Sie ist leicht unter allen erkennbar.“ Sie aber erkennt in dem umhergetriebenen Fremdling alsbald den Sproſs aus edlem Geschlecht. Answalds Hof ist die Halle des Alkinoos, die Aufnahme, Ubung das Gastrechts, Versammlung, Festmahl, Spiele bieten viel Khnliches, die klug beratende Gundrun gleicht Arete, Theodulf ist der höhnende Euryalos, beide suchen nachher Ver- söhnung; Volkmar ist der Sänger Demodokos, beider Lied erschallt vor den Ohren eines Teilnehmers am Kampfe, und die innere Erregung dieses führt zur Erkennung desfelben. Beim Kampfspiele der Einheimischen wird der Gast gereizt, und er zeigt zur Wahrung seiner Ehre seine Kunst hier im Königssprung, dort im Diskuswerfen, sowie seine edele Abkunft. Die Beratung Answalds mit seinen Leuten über Erteilung des Gastrechts ist zu vergleichen der Versammlung der Phäaken, in der die Entsendung des Odysseus beschlossen wird. Wie Circe und Kalypso um Odysseus werben und ihn in seiner Treue wankend zu machen suchen, so Gisela um Ingo. Ingo, der heimatlose, und Odysseus, der weit umhergetriebene, der Leiden viel erduldet, klagen auch in ähnlicher Weise über ihr Los (Od. 7, 208 f., 241 f.; Ingo S. 32, 58, 187, 239). In Wahrheit taucht, wie ein Beurteiler sagt,
*) Vgl. auch Herbst oben S. 6 und Freytag selbst in den„Bildern“ I. S. 55. **) Vgl. Redslob Altertum und Gegenwart im Unterrichte in den N. Jahrb. für Phil. und Päd. Band 144(1891) S. 438 ff.


