Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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beherrschenden Litteraturgattung vertraut gemacht und ihnen Anhaltspunkte mit auf den Weg gegeben werden, welche sie befähigen, sich, wenn auch zum Teil erst später, mit eigenem Urteil auf diesem schwankenden Boden zu bewegen und feste Gesichtspunkte zu gewinnen für die rechte Beurteilung der so sehr verschiedenartigen Erzeugnisse dieser Gattung*). Und daſs Ingo und Ingraban wahrhaft klassische Vertreter dieser Gattung sind, das hat doch die Kritik, obgleich anfangs schwankend, nun schon festgestellt**). Somit glaube ich den didaktischen Wert und die didaktische Berechtigung des Romans erwiesen zu haben.

2.

Was ich im Folgenden nun gebe, soll dem Lehrer die unterrichtliche Behandlung der beiden Romane, zunächst des Ingo, erleichtern und gewisse für das Verständnis und die Würdigung derselben durch die Schüler, event. für daraus zu entnehmende Themata wertvolle Gesichtspunkte bieten.

Beim Übergang der Schüler aus Sekunda nach Prima wird der Lehrer des Deutschen leicht in Verlegenheit sein um ein geeignetes Thema zum ersten Aufsatz. Es ist noch nichts mit den Schülern eingehend von ihm behandelt worden, und er darf ihnen doch für die Osterferien keineFerienarbeit aufgeben, aus der das erste Aufsatzthema herauswachsen könnte. Eine Ferienarbeit nicht, aber eine geordnete, planmäſsig geleitete Privatlektüre wird für das Deutsche auch in den neuen Lehrplänen gefordert***), für eine solche aber eignen sich gerade die Ferien, und so mache ich mir kein Gewissen daraus, ihnen vor den Ferien zu sagen:Thr, die ihr jetzt nach Prima versetzt seid, lest in den Ferien Freytags Ingo, denn darüber wollen wir in den ersten Stunden nach den Ferien sprechen.(Eine bestimmte Aufgabe, etwa ein Aufsatzthema, darf noch nicht gegeben werden, ja kaum gesagt werden: Daraus wollen wir den ersten Aufsatz nehmen, denn dann wird der Roman nur zu diesem Zweck gelesen und der Totaleindruck verkümmert). Ihr habt in einer der letzten Geschichtsstunden von der Schlacht bei Strafsburg im Jahre 357 gehört, in der Julianus die Alemannen besiegte: mit dieser und ihren Folgen beginnt der Roman. Dann habt ihr ebenso von den Zuständen der alten Germanen in den Geschichts- stunden gehört: von diesen entwirft uns der Roman ein lebensvolles Bild, und er wird wesentlich dazu dienen, unsere Kenntnis jener Zeit, insbesondere des Kulturzustandes, zu

*) Vgl. über den Roman Schiller Ober naive und sentimentaliche Dichtung, Cottasche Aus- gabe 1879 S. 688 ff. Er nennt den Romanschreiber,der die Erde noch so sehr berührt, nur den Halbbruder des Dichters. Freytag schrieb an Frick aus Siebleben bei Gotha am 12. Mai 1873 über Ingo und Ingraban u. a.:Könnte mir gelingen, der heranwachsenden Jugend dadurch eine längere Zeit dauernde bildende Lektüre zu schaffen, so wäre dem poetischen Spiel ein edeler Nutzen gewonnen, und der Verf. hätte das Höchste erreicht, einen Anteil an dem idealen. Empfinden künſtiger Geschlechter.

**) Vgl. Verh. der Direkt. Versamml. zu Hannover 1891 S. 153 ff.

1) Für die fremden Sprachen möchte ich eine Privatlektüre in keiner Weise empfehlen; das gibt Überbürdung!