Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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die idealsten Persönlichkeiten, Einzel- und Volkspersönlichkeiten, sowie bedeutsame Begriffe bietet, daſs sie eine reiche Erfahrungsquelle werde zu innerem Wachstum des Zöglings und zur Bildung eines festen sittlichen Willens.

Dafs aber in Ingo und Ingraban dieννατƷᷣ des deutschen Volkes, die Begriffe der Ehre, der persönlichen und der Volksehre, und der Treue als Gattentreue, Mannen- und Königstreue, Treue gegen sein Volk und das ererbte Gut, sowie Treue gegen sich selbst u. s. w. in lebensvollen Bildern und Gestalten uns entgegentreten, daſs sich in diesen Romanen eine reiche Gelegenheit zur Bildung und Pflege des Naturgefühls*) bietet, dals sich auch hier in hervorragendem Maſse Gelegenheit zum Nachweis des Tragischen findet, eines Begriffs, welcher auf der obersten Stufe des Unterrichts besonders gepflegt wird, daſs auch die archaistische, zugleich vom reinsten dichterischen Hauch durchwehte Sprache im stande ist, unsere Schüler sprachlich und ästhetisch zu bilden*), das wird eine eingehende Be- trachtung reichlich lehren. Wie aber der Held Ingo insbesondere den Schülern ein Vorbild des deutschen Charakters in seinem angeborenen Seelenadel, in seiner Lauterkeit und Wahr- haftigkeit und seinem siegreichen Beharren gegenüber aller Tücke, Versuchung und dem Andringen fremden Wesens ist, so bietet Ingraban wie nichts sonst unserer Jugend ein Mittel zu tieferem Verständnis für jene folgenreichste innere mwandlung unserer Ahnen, für die Verschmelzung des Christentums mit dem Germanentum und die Veredelung und Läute- rung germanischen Wesens durch christlichen Geist, zugleich ein Mittel allgemeiner das Wesen des christlichen Glaubens und die Wege, wie derselbe gewonnen wird, anschaulich darzustellen. Und je gröſsere Verwandtschaft wir hier mit Parzival finden, um so wertvoller wird es für unsere Schüler sein, diesen Lebensgang auch von einem neueren gefeierten Dichter in derselben Weise entwickelt zu sehen, wie er in jener ganz in christ- lichen Geist getauchten Zeit des Mittelalters sich gestaltete und wie ihn Goethe in seinem Faust nicht zu finden vermochte. Alles ideale Suchen und Gären des jugendlichen Gemütes dringt doch schlieſslich den Ewigkeitsfragen religiöser Art zu, deren Beantwortung daher auch für den Schüler schon bald genug eine zentrale Bedeutung gewinnt. So vermögen Ingo und Ingraban, die ja ihrer ganzen Anlage nach einen höhern Bildungsgrad des Lesers voraussetzen, in besonderem Maſse eine vaterländische und religiöse Bildung des Willens bei den Schülern der obersten Gymnasialklasse zu fördern. Die rechte Konzentration ist uns Prinzip des Unterrichts, die eigene Erfahrung des Zöglings das Centrum, der sittliche Wille das Ziel; nach all diesen Seiten sind Ingo und Ingraban höchst wertvolle Unter- richtsmittel.

In der Gattung schlieſst sich dieser Roman den grolsen epischen Dichtungen an, in welche in Sekunda und Prima die Schüler tiefer eingeführt werden, und es ist jedenfalls auch von grolsem Wert und groſser Bedeutung für die Schüler, wenn sie von seiten der Schule und des Unterrichts auch mit einem hervorragenden Vertreter dieser die Jetztzeit so

*) Vgl. über dieses Frick Lehrpr. 29 S. 1 ff.

**) Ein nachteiliger Einfluſs auf den Stil der Schüler ist dadurch gewiſs nicht zu fürchten. S. Verh. der Dir. Vers. zu Hannover 1891 S. 182.