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Der Lehrer hat es in seiner Hand, hier der Anschauung und Phantasie wirklich fruchtbare Bilder und Stoffe zuzuführen, jene Gestalten schon für dieses jugendliche Alter zu wahren Lebensmächten zu machen, indem die Kinder mit ihnen fühlen, mit ihnen sich freuen, mit ihnen sich sehnen und trauern und so in ihren Herzen keimen und reifen fühlen die Liebe, die Milde, die Versöhnlichkeit, die Treue in ihren verschiedenen Gestalten, deutsche Kraft und Mut und deutsche Heimatsliebe, während anderseits Grausamkeit, Untreue, Feigheit und Verrat in ihnen den Vorsatz wecken, sich von solchen finstern, lebenzerstörenden Eigen- schaften frei zu halten. Fort und fort wird auch auf den folgenden Stufen besonders der deutsche und der Geschichtsunterricht dahin wirken, jene Grundlagen fester zu legen und zu sichern, und aus der Poesie werden solche Dichtungen und Erzählungen bevorzugt werden, welche die Schüler zu allseitigem Verständnis und rechter Würdigung unseres Volks- tums, insbesondere der periοτmε der deutschen Volkspersönlichkeit zu führen geeignet sind*).
Vor allem wird auch die Lektüre auf der höchsten Stufe des Unterrichts ein Hauptmittel sein können und müssen, abgesehen von der Begründung und Festigung anderer wertvoller Gesichtspunkte und Begriffe(s. u. S. 7), in einer wahren, vollen und wirk- samen Konzentration eine abschliefsende, feste Begrindung allseitiger Kenntnis deutscher Geschichte, deutschen Volkstums und deutschen Charakters herzustellen, ihre Auswahl dann aber auch dieses Ziel sich ausdriücklich zu setzen haben. Der so geweckte Zustand des Geistes, in dem der Jüngling sich dann mit der Lust eines gehobenen Kraftgefühls in dem von ihm beherrschten Gebiete frei und heimisch bewegt, wird dann zugleich der Zustand sein, aus dem recht eigentlich das freie Wollen hervorwächst, die sittliche Kraft, der geweihte und veredelte Charakter.
Aus diesem Grunde wird nun Freytags Ingo, beim Übergang aus Obersekunda nach Prima als Privatlektüre gelesen, ganz wesentlich zur Bestätigung, Ergänzung und Vertiefung der Anschauungen dienen, welche durch die Einführung in die geschichtliche Welt, hier besonders in die patriarchalischen Anfänge des Volkstums überhaupt und speziell unseres Volkstums zum Teil schon gegeben und gewonnen worden sind, zum Teil auch noch zur 5 Vorbereitung auf solche, welche in Prima erst festgelegt werden sollen. Die Schüler haben in
Ingo anwenden.„Öberall, wo wir ein Volk aus der unbestimmten vorgeschichtlichen Zeit in das Licht des geschichtlichen Lebens treten sehen, bringt dasselbe als einen seiner köstlichsten geistigen Schätze die Volkssage mit.... Die Gestalten der Urzeit werden lebendig, gewinnen unvergängliche Jugend und Lebenskraft im Geiste des Volkstums; so liegt der Sage stets ein geschichtlicher Kern zu Grunde.... Vor allem aber werden die Hauptgestalten zu Ausprägungen, zu Charakterbildern des Volkstums und seiner geschichtlichen Aufgabe... So läſst sie uns in das innerste Herz des Volkes blicken, dort die treibenden und bewegenden Kräfte sehen, aus denen das geschichtliche Leben desselben quillt. Daher ihre ewig frische Wirkung, daher das Gefühl mit Gestalten von Fleisch und Blut zu verkehren, welche wahrer sind als die geschichtlichen.... NMan sitzt am Herde im Hause eines Volkes und lauscht seinem eigensten Lebensodem.“ Vgl. Willm. Päd. Vortr. 1. Aufl. S. 38 ff. 48. Vgl. in Bezug auf Ingo Scherer Preufs. Jahrb. 1873 8 481 ff.
*) Vgl. meinen Aufsatz Lehrproben 27 S. 106 ff.


