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1 (1892)
Entstehung
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und pflegen, unserer Jugend und somit dem gesamten Volkstum selbst zu gröſstem Gewinn und Segen. Damit ist dann auch ein fester Ausgangspunkt für eine Theorie des Lehrplans, für ein Lehrplansystem gewonnen, um von da aus die Fäden zu den andern Unterrichts- stoffen hinüberzuspinnen, ein machtvolles, lebendig wirkendes Centrum des Unterrichts, von dem aus gleichsam unzählige Saugwurzeln und Arme den neu sich darbietenden Stoffen aus der Sinnen- und Geisteswelt, mögen diese auch noch so weit entlegenen Gebieten anzu- gehören scheinen, sich entgegenrecken, um sie zu erfassen, an sich zu ziehen, sich zu assimilieren und in den Dienst eines neuen geistigen Wachstums zu vollerer, vertiefter und geläuterter Auffassung und zu vollerem Verständnis vaterländischen Lebens und Wesens zu ziehen*). So und nur so wird sich eine planmäſsige einheitliche Ausgestaltung der gesamten Innenwelt des Zöglings ergeben, ein wahres Heimischsein in dem, was der Unterricht geboten hat, ein hohes Kraftgefühl und daraus ein lebendiges Interesse.

Hat nun schon die Herbartsche Schule fort und fort mit allem Nachdruck auf die Fruchtbarkeit der Anknüpfung an heimatliche Anschauungen, Vorstellungen, Erinnerungen hingewiesen, und würdigt man jetzt mehr und mehr im Unterrichte den erziehlichen Wert der Pflege heimatlichen und vaterländischen Lebens und Wesens, vaterländischer und heimat- licher Natur, Sprache, Geschichte und Volkssitte, so tritt diese Forderung, seitdem sie von höchster Stelle, durch Se. Majestät den Kaiser, an unsere Schulen ergangen ist, um so gebieterischer in den Vordergrund und mahnt uns Sorge zu tragen, daſs wir bei keinem Unterrichtsgegenstande sie aus dem Auge verlieren.

Wie vermögen wir nun zunächst dieses Centrum selbst recht zu kräftigen und zu stärken und als einen fruchtbaren Grundstock für weitere Apperzeption fähig zu machen zu dem, was es nach dem Obigen leisten und wirken soll? Wie vermögen wir in der Folge des gesamten Unterrichts zunächst auf diesem Gebiete selbst einen grofsen, in seinen Teilen innigst verknüpften Gedankenkreis in die jugendliche Seele zu bringen in einer stufen- mäſsigen Bildung der Anschauungen, Urteile und des Willens? In der Vorschule und Sexta führen wir die Schüler in Naturkunde und Geographie ein in das frische Leben der sie umgebenden heimatlichen Welt, machen sie in stufenweise sich erweiterndem Verständnis bekannt mit der Schönheit und Eigentümlichkeit der Muttersprache, bekannt mit den heimat- lichen Sagen und geschichtlichen Erzählungen des Heimatlandes, und einvaterländisches Lesebuch mag ihnen das, was der übrige Unterricht ihnen aus der Welt der Heimat schon nahe gebracht hat, noch weiter veranschaulichen und beleben. Und wie das staunende Gemüt des Kindes durch die an die Stätten der Heimat sich knüpfenden Märchen und Sagen in eine ferne Zeit voll wunderbarer Phantasiegebilde geführt wird, so lassen wir, daran anknüpfend, nun vor seinem geistigen Auge jene grolsartigen Gestalten der deutscchen Heldensage erstehen, wie sie uns vor allem im Nibelungenliede entgegentreten*).

*) vgl. Willmann Pad. Vortr. 1. Aufl. S. 69:Die innige Berührung mit dem heimatlichen

Boden gibt, wie dem Riesen Antäus die Mutter Erde, dem Geiste immer neue Lust und Kraft auch das Ferne, Fremde zu bewältigen.

**) Schön spricht sich über das Wesen der Volkssage aus Herm. Schultz Alttestamentliche Theologie, 4. Aufl. Göttingen 1889 S. 17 f. Seine Worte können wir mut. mut, auch auf Freytags