Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
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Freytags Ingo und Ingraban im Unterrichte der Prima.

1.

Nur dann hat man die Erziehung in seiner Gewalt, wenn man einen grofsen und in seinen Teilen innigst verknüpften Gedankenkreis in die jugendliche Seele zu bringen und mit denjenigen ihre ideale Natur geheimnisvoll nährenden Mächten zu verknüpfen weifs, welche auch in der jugendlichen Seele schon schlummern und nur auf die Stunde harren, in der sie zum Bewufstsein werden erweckt werden).

Welchen grölſsern und würdigern Gedankenkreis könnten wir uns nun nächst dem religiösen denken, als die Kenntnis unseres deutschen Volkslebens, und welcher möchte unmittelbarer herauswachsen aus den die jugendliche Seele von früh auf nährenden Mächten, nämlich dem deutschen Familien-, Heimats- und Vaterlandsgefühle? In der Tiefe der Seele sind sie von früh unbewufst wirksam, brechen aus ihr hervor wie Quellen ursprünglichen Lebens und teilen allem, was sich mit ihnen verbindet, etwas mit von ihrer Ursprünglichkeit, ihrer Innerlichkeit, ihrem zeugungskräftigen Wesen.

Das Heimatsgefühl*), der Zauber der Muttersprache, die bannende Macht der heimischen Volkssitte, sie sind unmittelbar in der Seele wirkende Mächte, in ihnen haben wir die unmittelbarsten und elementarsten Aneignungsstützen, sowie die sicherste Gewähr für ein lebendiges Interesse, und eine sorgsame Pflege derselben, zumal der Volks- sitte, vermag auch eine gewaltige erziehende Macht zu üben. Darum sollen wir in die heimatliche Welt, den fruchtbaren Gehalt von Anschauungen, den Landschaft, Sage und Dichtung, Geschichte und Sitte der Heimat darbieten, die jugendlichen Gemüter auch in den höheren Schulen von früh auf bis zu den oberen Stufen recht allseitig, tief und ganz hineinsenken, daſs dieselben für sie zu einer wirklichen Lebensmacht werden, Sinn und Ver- ständnis für deutsches Wesen und deutsche Sitte recht allseitig wecken, bilden, kräftigen

*) Herbart u. Frick, vergl. Lehrproben 8, S. 11. **) Vgl. über dieses Frick Lehrpr. 29, S. 14 ff.