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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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Wessel betonte beide Principien der Reformation ausdrücklich. Die Bibel war ihm die einzige Autorität. Diese solle nicht allegorisch, sondern nur in ihrem einfachen grammatischen Sinn verstanden und mit heilsbegierigem Herzen gelesen werden. Alle menschlichen Autoritäten verwarf er, auch die Unfehlbarkeit des Papstes und der Concilien und wollte alle Aussprüche der Kirchenlehrer und Concilien nur so weit gelten lassen, als sie mit der heiligen Schrift überein- stimmen. Ebenso hob er die paulinische Lehre von der Rechtfertigung bestimmt hervor und verwarf Alles, was der Lehre des Evangeliums entgegen ist und den Menschen vom Weg des Glaubens abführen kann, wie Ablass, Messen. An der Einheit der Kirche hielt er fest, setzte diese aber in die Einheit des Glaubens und des himmlischen Hauptes, nicht in die Einheit Petri als des Lenkers der Kirche oder seines Nachfolgers. Das Papstthum betrachtete er als etwas historisch Entstandenes, das auch wieder aufhören könne, nicht als eine göttliche Einrichtung.

In Italien trat gegen das Verderben der Kirche Hieronymus Savonarola auf, geboren 1452 in Ferrara aus vornehmem Geschlecht. 23 Jahre alt trat er in ein Dominikanerkloster, um der Gottlosigkeit der Welt zu entfliehen, und las eifrig die Schrift, namentlich die prophetischen Bücher. Bald machte er als gewaltiger Straf- und Bussprediger Aufsehen, besonders seitdem er in Florenz Prior vom Kloster St. Marco geworden war. Vergebens suchte Lorenzo, aus dem Geschlecht der Mediceer, der die Stadt beherrschte, ihn durch Geld zu gewinnen. Als Lorenzos Sohn vertrieben wurde, trat Savonarola an die Spitze der Republik und wollte eine Theokratie aufrichten(»Gott allein will dein König sein, o Florenz, wie er der König Israels war«). Allgemeine Begeisterung ergriff die Bürger, alle Luxusgegenstände wurden verbrannt. Der Papst Alexander VI. wollte ihn durch den Cardinalshut gewinnen, er erwiderte:»Ich begehre keinen anderen rothen Hut als den Hut voll Blut, den Hut des Märtyrerthums;« seitdem verfolgte ihn der Papst unaufhörlich. Der Adel in Florenz wurde das strenge Regiment bald überdrüssig, auch die Volksstimmung schlug um, da mehrere Weissagungen sich nicht erfüllten und eine Hungersnoth ausbrach. Da erfolgte der Bann, Savonarola appellierte an Christum; eine Feuerprobe wurde vereitelt, was seine Feinde zur Aufreizung des Volkes benutzten. Das Kloster wurde vom Pöbel gestürmt, dem Savonarola sich freiwillig auslieferte. Die Richter, seine erbittertsten Feinde, liessen ihn foltern und verurtheilten ihn als Ketzer zum Scheiterhaufen. Savonarola 1498 am 23. Mai im gläubigen Vertrauen auf Christum.

Auch das Wiederaufblühen der classischen Studien half die Reformation vorbereiten. Als nach der Eroberung Constantinopels 1453 zahlreiche griechische Gelehrte nach Italien flohen und bei den Mediceern und am päpstlichen Hofe freundliche Aufnahme fanden, widmete man sich mit Begeisterung dem Studium der alten Classiker, und die Buchdruckerkunst förderte dasselbe bedeutend. Zugleich erhielten die classischen Studien eine neue Richtung. Früher hatten sie hauptsächlich kirchlichen Zwecken gedient, jetzt sollten sie die Grundlage einer allgemein-menschlichen Bildung sein(Humanismus). In Italien gewann aber unter den Humanisten heidnische Weltanschauung allgemeine Verbreitung. Marsilius Ficinus achtete Plato höher als die Heiligen und redete seine Freunde als»Geliebte in Plato« an, Pletho hoffte, dass sich das Christenthum bald in eine dem Heidenthum ähnliche Religion auflösen werde, und bei seinem Tode äusserte sein Freund, der Cardinal Bessarion, dass der Verstorbene sich im mystischen Bacchustanz den olympischen Göttern angeschlossen habe, der Cardinal Bembo, Leos X. Geheimschreiber, stellte die griechische Mythologie an Stelle des Christenthums, nannte Christum Minervam e Jovis capite ortam. Bei ihrer religiösen Gleich- gültigkeit vermieden es die Humanisten, ihre Wissenschaft auf die Theologie anzuwenden und die Schäden der Kirche ernstlich zu bekämpfen. Nur einer(Laurentius Valla) gebrauchte seine Sprach- kenntniss zur Erläuterung der heiligen Schrift und zur Kritik(Nachweis der Unächtheit der Constantinischen Schenkung), und vereinzelt steht Picus, Fürst von Mirandola, der die Scholastik, Plato und Aristoteles, die Kabbala, Mathematik und Naturwissenschaft studiert hatte und seine