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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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Ankunft gefangen und in einen ungesunden Kerker geworfen. Der Kaiser befahl zwar seine Freilassung, liess sich aber vom Concil umstimmen. Ein Anwalt wurde Huss verweigert und erst nach sieben- monatlicher Haft, deren Qualen er geduldig ertrug, wurde er dreimal öffentlich verhört. Huss erklärte sich bereit, jeden Irrthum zurückzunehmen, wenn er aus der heiligen Schrift überführt werde, wies aber alle Ermahnungen zum Widerruf standhaft ab. Am 6. Juli, seinem Geburtstage, wurde er wieder vorgefordert; in seiner Vertheidigung erwähnte er das freie Geleit und schaute den Kaiser fest an, so dass dieser erröthete. Er wurde verurtheilt, seines priesterlichen Ornates beraubt, aus der Kirche ausgestossen und der weltlichen Obrigkeit überliefert. Auf dem Richtplatz betete er den 51. und 31. Psalm und starb auf dem Scheiterhaufen als ein rechter Märtyrer Christi mit dem Gebet:»O Jesu, du Sohn Gottes, erbarm dich meiner-! Seine Asche wurde in den Rhein geworfen. Kurz vor Hussens Tod wurde Hieronymus von Prag gefangen genommen; anfangs widerrief er, als er aber später den Widerruf zurück nahm, wurde er als rückfälliger Ketzer verbrannt, am

30. Mai 1416.

Die Czechen in Böhmen erhoben sich unter Ziskas Anführung gegen die römische Kirche, der nur der Clerus und die Deutschen treu blieben, und nach Wenzels Tode weigerten sie sich, denwortbrüchigen Sigismund anzuerkennen. So begann der schreckliche Hussitenkrieg, der zugleich ein Nationalkrieg der Czechen gegen die Deutschen wurde. Nach Ziskas Tode spalteten sich die Hussiten in zwei Hauptparteien: die Calixtiner(calix) oder Utraquisten(sub utraque) verlangten nur den Genuss des Abendmahls unter beiderlei Gestalt, freie Verkündigung des göttlichen Wortes in der Landessprache, Beschränkung der grossen Reichthümer der Kirche und strenge Kirchenzucht unter dem Clerus, die Taboriten aber wollten in Kirche und Staat nichts dulden, was nicht in der heiligen Schrift begründet sei, und verbannten allen Schmuck aus der Kirche. Das Baseler Concil bewilligte 1433 den Calixtinern ihre vier Forderungen und dieselben kehrten auf Grund dieser Baseler Compactaten zur römischen Kirche zurück. Die Taboriten setzten den Kampf fort, wurden aber geschlagen und zerstreut. Der Papst beschränkte die den Calixtinern gemachten Zugeständnisse immer mehr und hob sie 1462 ganz auf; die Calixtiner verschwanden gänzlich. Von den zersprengten Taboriten hatten sich Mehrere um 1450 zu einer kleinen Gemeinde vereinigt, die am Evangelium festhielt(Böhmische Brüder, unitas fratrum). Trotz aller blutigen Verfolgungen erhielten sie sich und vermehrten sich durch Vereinigung mit den Resten der Waldenser und andern evangelisch Gesinnten auf etwa 200 Gemeinden(um 1500). Aus ihnen ging später durch Zinzendorf die Brüdergemeinde(Herrnhuter) hervor.

Johann Wessel, geboren um 1420 in Gröningen, verlor seine Eltern früh und wurde bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben in Zwoll erzogen. Thomas a Kempis machte den grössten Eindruck auf ihn, schon damals trat seine evangelische Richtung hervor. Als Thomas einst den Jüngling zur Verehrung Marias aufforderte, erwiderte dieser:»Vater, warum führst du mich nicht lieber zu Christo, der doch alle Mühseligen und Beladenen so gütig zu sich ruft«? Auf der Universität Cöln lernte er Griechisch und Hebräisch und widmete sich neben der Scholastik und Mystik dem Studium der Classiker, besonders Platos. Nach mehreren Reisen blieb er längere Zeit in Paris, wo er mit den Humanisten Reuchlin und Agricola bekannt wurde. Später ging er nach Rom. In einer Audienz beim Papste Sixtus IV., einem alten Freunde, forderte ihn dieser auf, sich eine Gunst auszubitten, aber er bat zum Erstaunen des Papstes nicht um eine reiche Pfründe, sondern um eine griechische und hebräische Bibel aus der vatikanischen Bibliothek. In Heidelberg wirkte er als Lehrer der Philosophie und machte sich mehr und mehr von der Autorität der Scholastiker los, darum der»Meister der Widersprüche- genannt, von seinen Schülern gepriesen als das-Licht der Welt«. Seine letzten Jahre verlebte er ruhig in mehreren Klöstern seiner Heimath, 1489 zu Gröningen. Von ihm sagte Luther:-Wenn ich den Wessel zuvor gelesen, so liessen meine Widersacher sich dünken, Luther hätte alles vom Wessel genommen, also stimmt unser beider Geist zusammen«.