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umfassende Bildung zur Vertheidigung des Christenthums verwandte; bemerkenswerth ist sein Wort: »Die Philosophie sucht die Wahrheit, die Theologie findet sie, die Religion hat sie«. Die deutschen Humanisten, meist ernste, religiöse Männer, hielten sich von den Verirrungen der italischen fern und stellten die neue Bildung in den Dienst des Evangeliums. Johann Reuchlin aus Pforzheim, († 1522) Professor in Tübingen, Heidelberg und Ingolstadt, Lehrer von Melanchthon, war seiner Zeit der grösste Kenner des Hebräischen und erwarb sich grosse Verdienste um das Studium desselben durch seine hebräische Grammatik, welche die Grundlage aller späteren wurde. Das Vorgehen der Cölner Dominikaner gegen Reuchlin, der sich gegen die Verbrennung der jüdischen Schriften ausgesprochen, veranlassste einen heftigen Kampf zwischen den Humanisten und den Mönchen, in dem letztere völlig unterlagen. Epistolae virorum obscurorum.— Der bedeutendste deutsche Humanist war Desiderius Erasmus von Rotterdam, geboren 1467, unterrichtet von den Brüdern des gemeinsamen Lebens. Seine Verwandten zwangen ihn zum Eintritt in ein Kloster, aber sein Bischof befreite ihn vom Klosterleben. Er studierte in Paris, machte grosse Reisen, war Professor des Griechischen in Oxford, lebte seit 1521 in Basel, † 1536. Die Mängel der Scholastik und die Schäden der Kirche deckte er offen auf, geisselte in geistvollen Schriften das Verderben aller Stände, namentlich des Mönchthums. Die theologische Wissenschaft förderte er nach Kräften und gab durch seine treffliche griechische
Ausgabe des Neuen Testamentes mächtige Anregung zu einem tieferen Studium desselben.
Weder die Vorläufer der Reformation noch die Humanisten konnten eine Heilung der grossen Schäden der Kirche bewirken, immerhin wurden schon wichtige Anfänge zum Bessern gemacht. Die ersteren brachen mit der Scholastik, gingen auf die heilige Schrift und Augustin zurück und sprachen die Principien aus, die allein eine Reform der Kirche herbeiführen konnten. Die Humanisten erneuerten die Kenntniss der griechischen und hebräischen Sprache, bahnten ein richtiges Verständniss der Schrift an und schufen wissenschaftliche Hülfsmittel zur Bekämpfung der Scholastik. Als das allgemein gefühlte Verderben der Kirche die Sehnsucht nach einer Reform gesteigert hatte und alle Verhältnisse die siegreiche Durchführung derselben sicherten, da sandte der Herr der Kirche auch die rechten Männer, um dieselbe zu erneuern und in ihrer Reinheit herzustellen.


