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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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verschafft ihm das Wohlgefallen Gottes. Wenn du die Bibel auswendig wüsstest und alle Meinungen der Gelehrten, was hülfe dir das ohne Gottes Gnade und Liebe? Darin besteht die wahre Weisheit, unbekümmert um die Welt nach dem Reiche Gottes zu trachten. Halte dich an Jesum im Leben und im Sterben und überlass dich seiner Treue, er allein kann dir helfen, wenn alles von dir weicht.

III. Mönchthum und Clerus. Ebenso grosse Verdorbenheit wie am päpstlichen Hof herrschte in den Klöstern und unter dem Clerus. Unsittlichkeit, Lasterhaftigkeit, Rohheit, Habsucht, weltliches Treiben und Herrschsucht, verbunden mit der grössten Unwissenheit im Christenthum und Verachtung der Wissenschaft nahm mehr und mehr überband; auch die Bettelorden verfielen zuletzt dem allgemeinen Verderben und alle Reformversuche scheiterten völlig. Die meisten Priester konnten nicht einmal predigen; die wenigen Prediger, meist Bettelmönche, brachten gewöhnlich Fabeleien zur Verherrlichung ihrer Schutzpatrone und Heiligthümer oder unfruchtbare scholastische Gelehrsamkeit vor. Der Gottesdienst wurde zu einem leeren Schauspiel. Besonders schlimm wurde es im 15. Jahrhundert; im Strassburger Münster liessen kurz vor der Reformation Ritter ihre Falken steigen, Geistliche plauderten und gingen hin und her, das Gotteshaus wurde zum öffentlichen Durchgang. Werkheiligkeit, Marien- und Heiligendienst wurde dem Volk auf das überschwenglichste angepriesen, sogar vor Betrug und falschen Wundern bebten Manche nicht zurück(1509 wurden deshalb vier Dominikaner in Bern verbrannt) und die Ablassprediger scheuten kein Mittel, um den Ablass anzubringen.

IV. Das Volk war ebenfalls unwissend, aber gläubisch(Hexenwesen), roh, entsittlicht, wozu das Ablasswesen viel beitrug. Die Frömmigkeit des Volkes bestand in leeren Ceremonien, gedankenlosem Beten des Rosenkranzes und Gehorsam gegen die Kirche. Die religiöse Begeisterung war verschwunden, alle Ermahnungen der Päpste zu einem Türkenkrieg fanden keinen Widerhall in den Herzen, nur vereinzelt waren Erscheinungen wie die Jungfrau von Orleans. Für die religiöse Belehrung des Volkes geschah so gut als nichts. Mancherlei Gegner erhoben sich gegen die Kirche, theils Schwärmer, die eine überspannte Askese forderten und das Hereinbrechen der göttlichen Gerichte weissagten, wie die Geissler im 14. Jahrhundert, theils pantheistische Secten(Brüder und Schwestern des freien Geistes). Gegen sie trat die Kirche mit Feuer und Schwert auf; namentlich in Spanien wüthete die Inquisition mit unerhörter Grausamkeit. Torquemada, wohl der blutdürstigste und schrecklichste aller Grossinquisitoren, liess an 9000 Menschen lebendig verbrennen und 90,000 in verschiedener Weise bestrafen. Doch war in Spanien die Inquisition mehr ein politisches Institut zur Schwächung des Adels und zur Bereicherung des königlichen Schatzes.

§. 19. Die Porläufer der Reformation. Die Humandisten.

Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts traten einzelne Vorläufer der Reformation auf, Männer, welche auf die heilige Schrift zurückgingen und trotz einzelner Irrthümer die Grundwahrheiten richtig erkannt hatten, die von den Reformatoren des 16. Jahrhunderts zur Geltung gebracht wurden.

John Wycliffe, geboren 1324 im Dorfe Wycliffe in Yorkshire, studierte in Oxford, wandte sich aber bald dem Studium Augustins und der heiligen Schrift zu(⸗der evangelische Doctor-); auch trat er gegen die Bettelmönche auf und sprach sich gegen Bezahlung des Tributs aus, den Johann ohne Land einst versprochen hatte. Vom König(Eduard III.) zum Mitglied einer Gesandtschaft ernannt, die in Brügge mit päpstlichen Abgeordneten über Besetzung der englischen Kirchenämter