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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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an sich, ebenso wenig Leo X.(F† 1521), der feingebildet und prachtliebend, aber ohne allen Sinn für Religion und Kirche war; von ihm soll das Wort herrühren:Wieviel die Fabel von Christo uns und den Unsern eingetragen habe,

ist hinlänglich bekannt. II. Scholastik und Mystik. Die Scholastik artete in leeres Schulgezänke und spitzfindige

Begriffszergliederung aus. Ihre Vertreter behandelten mit grossem Aufwand von Gelehrsamkeit die frivolsten Fragen über die heiligsten Dinge, zeigten aber eine erstaunliche Unkenntniss der Kirchen- väter und der heiligen Schrift, ihr Streben ging hauptsächlich dahin, in der Disputierkunst zu glänzen. Kein Wunder daher, dass die Scholastik allgemein ein Gegenstand des Spottes wurde.

Schon während der Blüthezeit der Scholastik war neben derselben die Mystik hervorgetreten, die durch fromme Betrachtung zur Vereinigung mit Gott kommen wollte. Bernhard von Clairveaux, Thomas von Aquino, Berthold von Regensburg und Andere, namentlich Deutsche, vertraten diese Richtung. Als aber die Scholastik entartete, kam die Mystik zur selbständigen Entwicklung und höchsten Blüthe. Die Mystiker legten allen Werth auf die persönliche Frömmigkeit, waren aber gleichgültig gegen das äussere Kirchenwesen. Doch blieb die Mystik stets auf kleinere Kreise beschränkt und konnte den Verfall der Kirche nicht aufhalten.

Johann Tauler, geboren 1290 in Strassburg, war Dominikanermönch. Als Strassburg wegen seiner Treue gegen Ludwig von Baiern vom Interdikt getroffen wurde und die meisten Geistlichen auswanderten, predigte Tauler zum Troste des Volkes mit grossem Segen. Nicolaus von Basel, das Haupt der Gottesfreunde, drang in Tauler, nur Christo anzuhangen; nach langem innern Kampfe gab sich Tauler dem ungelehrten Laien hin. Um allen Dünkel zu unterdrücken, untersagte ihm Nicolaus das Predigen; Tauler gehorchte und lebte einsam in seiner Zelle, den Spott seiner Klosterbrüder und des Volkes mit Geduld ertragend; erst nach zwei Jahren trat er wieder auf und gewann die alte Liebe des Volkes rasch wieder. Als Strassburg wegen seines Widerstandes gegen Karl IV. im Bann blieb und der schwarze Tod 1348 wüthete, nahmen Tauler und zwei andere Geistliche sich des Volkes an und erklärten in einem Schreiben,»es sei lieblos, dass man das arme unwissende Volk also im Banne sterben lasse, wer den wahren Glauben habe und sich nur gegen des Papstes Person verfehle, sei kein Ketzer und der Papst könne einem, der unschuldig im Banne sei, den Himmel nicht verschliessen. Tauler und seine Freunde verbreiteten viel Trost, die Menschen starben getröstet und fürchteten den Bann nicht. Später lebte Tauler in Cöln und Basel, 1361. Sein Hauptwerk ist die»Nachfolge des armen Lebens Christi.«

Thomas(Hamerken, Hämmerlein) a Kempis, geboren um 1380 im Städtchen Kempen unweit Cöln. Sein Vater war ein unbemittelter Handwerker, seine Mutter eine fromme Frau. Zwölf Jahre alt kam er nach Deventer in die berühmte Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben, im zwanzigsten Jahre trat er in das Kloster auf dem Agnetenberge bei Zwolle. Nie war er müssig, aber seine höchste Wonne war das Gebet in der Einsamkeit. Sein Wahlspr uch war: Trachte unbekannt zu bleiben(ama nesciri). Die Lehre der Kirche liess er unangefochten und war eifrig im Marien- und Heiligendienst, verwarf aber alles blos äusserliche Ceremonienwesen und betonte die Herzensfrömmigkeit:»Mehr solltet ihr euch auf Gnade und Barmherzigkeit verlassen, als auf eure Gebete und guten Werke«; das Bibellesen empfahl er nachdrücklich. Er verfasste die»vier Bücher von der Nachfolge Jesu Christi«, die nächst der Bibel am meisten gedruckt

und verbreitet sind. Was nützt es dich, gelehrt über die Dreieinigkeit zu reden, wenn du nicht demtithig bist und dadurch der Dreieinigkeit missfällst? Fürwahr, hohe Worte machen den Menschen weder gerecht noch heilig, nur ein reines Leben 3