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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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und von einem Schreiber die Uebersetzung nachschreiben; mit allem Ernst suchte er nun nach dem Buchstaben der Bergpredigt einen apostolischen Wandel zu führen. Nach dem Wort des Herrn zum reichen Jüngling Matthäi 19, 21 verkaufte er seine Habe, gab den Erlös den Armen und zog als Bussprediger umher. Viele wurden bekehrt; diese sandte er zu Zweien aus, um zu predigen, sie sollten arm und schlicht auftreten, ja nach Lucas 10, 4 nur Sandalen tragen. Das Volk nannte sie die Armen von Lyon(Pauperes de Lugduno, Leonistae), Sandalenleute, Waldenser. Der Erz- bischof von Lyon verbot ihnen das Predigen, aber sie erklärten, sie müssten Gott mehr gehorchen als den Menschen. Dann wandten sie sich an Alexander III., auch dieser verbot ihnen das Predigen und sein Nachfolger that sie in den Bann. In den nun hereinbrechenden Verfolgungen zerstreuten sie sich; bald hatten sie Gemeinden in Spanien, Frankreich, Oberitalien, Deutschland, Böhmen, Ungarn. Petrus Waldus zog selbst als Prediger flüchtig von Land zu Land, um 1200 in Böhmen. Innocenz III. wollte die Waldenser mit der Kirche aussöhnen und zu einem Mönchsverein umgestalten, aber es war zu spät, die Waldenser hatten das Verderben der Kirche zu tief erkannt. Daher wurden sie mit gleicher Heftigkeit wie die andern Secten verfolgt und Tausende starben für ihren Glauben auf dem Scheiterhaufen. Ihre Reste flohen in die Alpenthäler von Savoyen und Piemont.

Die Waldenser wollten anfangs nur Verwirklichung des reinen apostolischen Christenthums im Wandel, blieben aber der Lehre der Kirche im Ganzen treu. Erst nach ihrer Trennung von der Kirche verwarfen sie das Papstthum, die Werkheiligkeit, Heiligenanbetung, Messe, Ohrenbeichte, Ablass, Fegfeuer und sprachen jedem Christen das Recht und die Pflicht zu, die Bibel zu lesen. Selbst ihre Gegner rühmten ihr ernstes, sittenreines Leben und bewunderten ihre Bibelkenntniss. Im 16. Jahrhundert traten sie mit den Reformatoren(Calvin) in Verbindung, was eine Reform im evan- gelischen Sinn zur Folge hatte. Trotz aller blutigen Verfolgungen im 17. Jahrhundert haben sie sich bis heute erhalten,

und nachdem sie im Königreich Sardinien, dann im Königreich Italien Religionsfreiheit erhalten haben, in vielen Städten, auch in Rom, blühende Gemeinden und Schulen gestiftet, die ein grosser Segen für Italien sind.

II. Periode. Von Bonifaz VIII. bis zur Reformation. (1294 1517.)

§. 18. Terfall der Kirche.

I. Der Verfall des Papstthums beginnt mit Bonifaz VIII. 1294 1303. Dieser wollte in dem Krieg zwischen Philipp IV., dem Schönen von Frankreich und dem englischen König Eduard I. als Schiedsrichter entscheiden. Philipp wies den Papst zurück, erkannte aber nach heftigem Streite Bonifaz als Schiedsrichter an. Da die päpstliche Entscheidung nicht nach Philipps Willen ausfiel, wurde der Streit noch heftiger als früher. Der Papst schrieb an Philipp: Scire te volumus, quod in spiritualibus et temporalibus nobis subes. Beneficiorum et praebendarum ad te collatio nulla spectat. Aliud autem credentes haereticos reputamus. Der König antwortete: Sciat maxima tua fatuitas in temporalibus nos alicui non subesse, ecclesiarum ac praebendarum vacantium collationem ad nos jure regio pertinere. Secus autem credentes fatuos ac dementes reputamus. Die Bulle Unam sanctam sprach die Lehre aus, dass beide Schwerter, das weltliche wie das geistliche, dem Papst übergeben seien, und erklärte die Meinung, dass die weltliche Macht von der geistlichen unabhängig sei, für manichäische Ketzerei; zugleich belegte Bonifaz Frankreich mit Bann und Interdikt und entband die Unterthanen vom Eid der Treue. Philipp berief die Stände, diese