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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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wegen der Kostbarkeit und Seltenheit der Handschriften nur Wenigen zugänglich(vor 1300 kostete ein Psalter 155 Mark; ein Taglöhner erhielt damals täglich 12 Pfennige) und selbst den Geistlichen wenig bekannt; zudem wurde seit dem Auftreten zahlreicher Ketzer den Laien der Besitz und das Lesen der Bibel verboten. Daher konnte das Evangelium die Volksmassen nicht wahrhaft durchdringen, die religiöse Erkenntniss war dürftig, Aberglaube und Werkheiligkeit herrschte überall, als höchste Stufe der Heiligkeit sah man das Mönchthum an, man meinte der mönchischen Heiligkeit schon theilhaftig zu werden, wenn man sich nur in einer Mönchskutte begraben lasse. Leichtfertigkeit im Sündigen, Rohheit, Selbstsucht, Gottesleugnung waren häufig. Doch brachte das Christenthum manche herrliche Früchte, Opferfreudigkeit, Wohlthätigkeit gegen Arme und Elende, innige Gottesliebe, bussfertige Gesinnung, ernstes Streben nach Heiligung bei tieferen Gemüthern. Ein Spiegel der reinsten Gottesliebe, der glänzendsten Tugenden ist die heilige Elisabeth.

Elisabeth, geboren 1207, eine Tochter des Königs Andreas II. von Ungarn und vermählt mit dem Landgrafen Ludwig von Hessen und Thüringen, war unermüdlich in Werken der Barmherzigkeit, voll Demuth, eine strenge Büsserin. Als ihr Gemahl 1227 in Unteritalien auf dem Kreuzzug Friedrichs II. starb, wurde sie von ihrem Schwager(Heinrich Raspe) von der Wartburg vertrieben und gerieth ins tiefste Elend, bis sie in Marburg einen Witwensitz erhielt. Auch hier brachte sie ihre Zeit mit Gebet, Pflege der Armen und Kranken und mit Askese zu, ihr Beichtvater Konrad von Marburg behandelte sie streng, oft roh. Elisabeth 1231, vier Jahre später wurde sie heilig gesprochen und bald als Heilige verehrt.

§. 17. Opposition gegen die Kirche.

Bei den grossen Schäden und dem Verderben der Kirche traten das ganze Mittelalter hindurch zahlreiche Gegner derselben auf, theils Schwarmgeister, von denen manche sich sogar für den Sohn Gottes hielten, theils manichäische oder pantheistische Secten(letztere leugneten den persönlichen Gott und hielten das All für Gott). Alle bekämpften nicht nur die Schäden der Kirche, sondern wollten die ganze Kirche, das Papstthum, die Hierarchie und alle kirchliche Ordnung vernichten, ja verirrten sich bis zum Umsturz alles Bestehenden und zur Lästerung des Heiligen.

Am zahlreichsten waren die verschiedenen manichäischen Secten, die schon im Anfang des 11. Jahrhunderts im Morgen- und Abendland auftraten. Sie hiessen die Reinen(Cathari, Ketzer), auch Bulgari(bougres), später Albigenser nach dem Städtchen Albi in Südfrankreich, gliederten sich in credentes und perfecti, hielten die Materie für den Sitz des Bösen, verwarfen das Alte Testament, die Sacramente, das Fleischessen, manche auch die Ehe. Die Kirche trat ihnen zwar mit Feuer und Schwert entgegen, aber sie wurden nur um so zahlreicher und feindseliger. Ihren Hauptsitz hatten sie in Südfrankreich, wo Adlige und Fürsten sie schützten wie Raimund von Toulouse.

Zur Unterdrückung dieser Secten liess Innocenz III. nach Ermordung eines Legaten einen Kreuzzug predigen. Die Kreuzfahrer unter Simon von Montfort und dem Abt Arnold von Citeaux eroberten die Städte der Albigenser (Béziers, Albi, Carcasonne) und hieben alle Gegner nieder, in Béziers 20,000 nach dem Befehl Arnolds:Schlagt sie alle nieder, der Herr kennt die Seinen. 20 Jahre wüthete dieser grausame Religionskrieg. Eine Synode in Toulouse 1229 verpflichtete, um ein Wiederaufkommen der Katharer zu verhindern, die Bischöfe zur Aufspürung derselben un d verbot die Bibel. Gregor IX. errichtete 1232 besondere Inquisitionstribunale mit unbeschränkter Vollmacht und übertrug dieselben den Dominikanern. Die Hartnäckigen wurden der weltlichen Obrigkeit zum Verbrennen übergeben, die Widerrufenden gewöhnlich lebenslänglich in Klosterhaft gehalten. In Deutschland wurde der erste Ketzermeister, Konrad von Marburg, bald ermordet, seitdem blieb Deutschland von der Inquisition verschont.

Eine evangelische Richtung vertraten der römischen Kirche gegenüber nur die Waldenser, gestiftet von Petrus Waldus, einem reichen Kaufmann in Lyon. Der plötzliche Tod eines Freundes erschäütterte ihn tief und bewog ihn den Freuden der Welt zu entsagen. Von einem Priester liess er sich mehrere Bücher der heiligen Schrift mündlich in das Provenzalische übersetzen