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Fasten, Wallfahrten, später eine Geldzahlung für einen guten Zweck(nach dem Vorbild der Geldbussen im deutschen Gerichtsverfahren). Die Satisfactio operis wurde die Grundlage des Ablasses. Dieser war nicht ein Erlass der Sündenschuld und der ewigen Strafen, sondern nur Erlass der zeitlichen, im Fegfeuer zu verbüssenden Strafen; aber das Volk vermengte Sündenvergebung und Ablass und meinte, mit Erlangung des Ablasses sei alles geschehen, Busse sei nicht nothwendig. Noch schlimmer wurde es dadurch, dass der Ablass immer leichtfertiger ertheilt wurde. In den Kreuzzügen gab der Papst allen Kreuzfahrern, ja allen, die Almosen zur Förderung der Kreuzzüge gaben, vollkommnen Ablass; später ertheilte man auch- für erst beabsichtigte Sünden Ablass im Voraus.
§. 16. Ferfassung. Cultus. Leben.
Der Papst war der unumschränkte Oberherr der Kirche, ihm mussten sich die Bischöfe, Erz- bischöfe und Patriarchen willenlos unterwerfen und sich die Eingriffe der Legaten in ihre Rechte gefallen lassen. Die Wahl der Bischöfe geschah seit dem Investiturstreit durch die Domcapitel. Der Glerus wurde als eine von den Laien ganz verschiedene Classe betrachtet und sollte sich durch Kleidung, Tonsur, vor allem durch das Cölibat von der Welt unterscheiden, doch bestand die Priesterehe an vielen Orten bis auf Gregor VII. Die Bildung und die Sittlichkeit des Clerus war im Allgemeinen gering; das ungeistliche Leben, die sittliche Entartung, die Theilnahme an Fehden, die Unwissenheit und der Mangel an christlicher Erkenntniss, sowie die Unfähigkeit der meisten Geistlichen hemmten eine kräftige Einwirkung auf das Volk. Doch gab es manche tüchtige Bischöfe, die für die Bildung des Clerus und des Volkes eifrig wirkten(Erzbischof Bruno von Cöln, Bruder Ottos J.).
Der Gottesdienst wurqde in der lateinischen Sprache gehalten, die das Volk, oft der Priester selbst nicht verstand. Der Mittelpunkt des Cultus war die Messe, die Predigt trat ganz zurück; zwar fehlte es nicht an bedeutenden Predigern(Bernhard von Clairveaux, in Deutschland der Franziskaner Berthold von Augsburg, † 1273, der oft vor 60,000 Menschen predigte), aber die Predigt war kein regelmässiger Theil des Gottesdienstes. Auch der Kirchengesang war lateinisch, daher war die Gemeinde auf einige Refrains»Kyrie eleison«(Herr erbarme dich!),»Ora pro nobis⸗ beschränkt. Heiligen-Marien-Reliquien- und Bilderdienst nahm immer mehr überhand. Aus dem Cultus entwickelten sich die geistlichen Schauspiele, namentlich Weihnachts- und Osterspiele.
Die schönsten lateinischen Hymnen sind„Salve caput cruentatum“ von Bernhard von Clairveaux(ck.„O Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhard),„Dies irae, dies illa“ von dem Franziskaner Thomas von Celano,„Pangue lingua“ und„Lauda Sion“ von Thomas von Aquino,„Stabat mater dolorosa“ von Jacoponus.— Die Anfänge des deutschen Kirchenliedes sind die Leisen, kurze Strophen, deren Refrain das Kyrie eleison bildete; vom eigentlichen Gottesdienst waren sie ausgeschlossen und blieben auf Wallfahrten, Bittgänge beschränkt. Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden die schönsten Leisen, wie„Christus ist erstanden von der Marter Banden“,„Nun bitten wir den heiligen Geist“. Später entstanden Mischlieder, wie„In dulci jubilo nun singet und seid froh“.
Auch die Baukunst gelangte im Dienst der Kirche zu ihrer höchsten Blüte. Aus der altchristlichen Basilikenform entwickelte sich der romanische Baustyl mit Rundbogen; im 12. Jahrhundert begann der gothische(deutsche) Styl mit Spitzbogen, gewaltigen Strebepfeilern, schlanken Thürmen; Denkmäler dieses Styles sind die Elisabethkirche in Marburg, der Cölner Dom(gegründet 1248 vom Erzbischof Konrad von Hochstaden) und das Strassburger Münster (begonnen 1275 von Erwin von Steinbach).
Die Völker waren zunächst nur äusserlich bekehrt worden; heidnische Sitten und Anschauungen erhielten sich noch lange. Die Kirche suchte zwar der Rohheit möglichst zu steuern(Gottesfriede), aber sie wirkte zu wenig durch Predigt und Unterricht auf das Volk ein. Die Bibel war schon


