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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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Glanz und sein Ansehen war so bedeutend, dass ihn Fürsten, z. B. Ludwig der Heilige von Frankreich, um Rath fragten. Seine Summa theologiae ist das Hauptwerk der Scholastik; auf die Kirchen- und Sittenlehre hatte er grossen Einfluss.

Johannes Duns Scotus, 1308, Lehrer in Oxford, Paris, Cöln, war der grösste Dialektiker; er trieb die Spitzfindigkeiten der Scholastik auf ihre höchste Spitze und führte das barbarische Latein in die Wissenschaft ein. In der Kirchenlehre war er ein Gegner des Thomas von Aquino.

Der Dominikaner- und Franziskanerorden behielt die von Thomas und Scotus eingeschlagene Richtung bei, (Thomisten, Scotisten). Die Dominikaner folgten wie Thomas dem heiligen Augustin in der Lehre von der Sünde und Gnade, dem Anselm von Canterbury in der Lehre von der Erlösung. Die Franziskaner waren wie Duns Scotus Semipe- lagianer und vertheidigten die Lehre von der Sündlosigkeit der Jungfrau, während die Dominikaner diese Lehre verwarfen.

Uebersicht der herrschenden Kirchenlehre. In der Lehre über die Sünde und die göttliche Gnade wurde der Semipelagianismus wieder herrschend. Die Rechtfertigung aus dem Glauben wurde zwar nicht förmlich verworfen, aber durch die Lehre verdrängt, der Mensch müsse sich die Gnade Gottes durch seine guten Werke verdienen, und diese Lehre wurde bis zu der Behauptung getrieben, dass einzelne Menschen in der Kraft Christi mehr Gutes thun könnten, als das Gebot verlange; so bildete sich die Lehre vom Schatz des überschüssigen Verdienstes der Heiligen(thesaurus supererogationis sanctorum). Aus der Lehre von der Verdienstlichkeit der Werke ergab sich auch, dass der Mensch nie vollkommene Gewissheit über seinen Gnadenstand haben könne, denn wer kann sagen, ob seine guten Werke zur Bezahlung seiner Sündenschuld genügen? Diese Ungewissheit trieb den Menschen zur(Qual einer ruhelosen Werk- heiligkeit und zur völligen Hingabe an die Kirche, um durch deren Vermittlung die Bürgschaft des Heils zu erlangen.

Dazu kam noch eine ganz falsche Vorstellung von Christo. Obwohl man nicht leugnete, dass Christus der Mittler zwischen Gott und den Menschen sei, wurde er doch als Sohn Gottes den Menschen so fern gerückt, dass neue Vermittler nöthig wurden. Als Vermittler im Himmel wurden die Heiligen gedacht, deren Zahl immer wuchs, und Maria, die durch ihre Fürbitte den Zorn des Sohnes stillen müsse; die Anrufung der Jungfrau wurde immer überschwenglicher, besonders seitdem im 12. Jahrhundert die Lehre von Marias Sündlosigkeit aufkam.

Als Mittler auf Erden galten die Priester. Der Priester bringt täglich das Messopfer dar, hat die Schlüssel des Himmels und die Gewalt, aus dem Fegfeuer zu befreien, wo die Frommen für ihre lässlichen Sünden Strafe erdulden; denn die Kirche, die Verwalterin des Schatzes vom über- schüssigen Verdienst der Heiligen, kann durch Seelenmessen den einzelnen Seelen davon zuwenden und so die Zeit des Fegfeuers abkürzen.

Besonders wurde die Lehre von den Sakramenten von den Scholastikern ausgebildet und die Siebenzahl derselben festgestellt: Taufe, Firmung, Abendmahl, Busse, Ehe, Priesterweihe, letzte Oelung(Jacob. 5,14). Die Wirksamkeit der Sakramente galt als unabhängig von dem Glauben des Empfängers, es genügt, wenn er sich nur nicht dagegen verstockt. Der Taufe und Priesterweihe schrieb man einen unauslöschlichen Charakter(character indelebilis) zu. Im Abendmahl var seit 1215 die Verwandlungslehre Dogma, später entzog man aus Scheu, es möchte ein Tropfen vom Blute Christi verschüttet werden, den Laien den Kelch und rechtfertigte dies durch die Lehre von der Concomitanz, dass im Brot auch schon das Blut Christi enthalten sei,(auf dem Concil von Costnitz 1415 zum Dogma erhoben); zugleich galt das heilige Abendmahl als Messopfer, unblutige Wiederholung des Opfers Christi. Zur Busse gehörte die contritio cordis, Reue des Herzens, confessio oris, Bekenntniss mit dem Munde(seit dem Lateranconcil 1215 die Ohrenbeichte) und satisfactio operis, die Verbüssung der Kirchenstrafen durch Leistung äusserer Werke, wie Almosen,