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2 (1880) Kirchengeschichte des Mittelalters / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
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Christi verwandelt, so dass von Brot und Wein nur Gestalt und Geschmack bleibe.« Hervorragende Kirchenlehrer verwarfen diese Ansicht, aber im Clerus und Volk gewann sie immer grössere Aus- breitung. Als 200 Jahre später Berengar von Tours es aussprach, Brot und Wein des Altars seien nur Zeichen des Leibes und Blutes Christi, wurde er durch mehrere Synoden, endlich durch Gregor VII. auf einer Synode in Rom 1079 gezwungen, seine Lehre als Irrthum abzuschwören. Die Verwandlung(Transsubstantiation) war von da an allgemein anerkannt, wurde auf dem Lateranconcil 1215 zum Dogma erklärt und seit 1264 durch das Frohnleichnamsfest gefeiert.

Nachdem die theologische Wissenschaft im 10. Jahrhundert(seculum obscurum) fast untergegangen war, blühte sie gegen Ende des 11. Jahrhunderts wieder auf, zunächst in den Kloster- und Dom- schulen(daher Scholastik, Schulwissenschaft), seit dem 12. Jahrhundert an den damals entstehenden Universitäten, besonders in Paris, Oxford, Köln. Die Scholastik erkannte das kirchliche Dogma als unantastbare Autorität an und setzte es als vollkommene Wahrheit voraus, wollte es aber auch vernunftmässig erweisen und die einzelnen Dogmen zu einem System verbinden. Die Beweise entnahm sie der Philosophie des Aristoteles oder des Plato, deren Werke man anfangs nur in Uebersetzungen, später auch im Grundtext hatte. Dagegen wurde das Studium der heiligen Schrift, der wahren Quelle der christlichen Erkenntniss, wenig betrieben.

Der eigentliche Begründer der Scholastik war Anselm von Canterbury, geboren 1084 zu Aosta in Piemont. Er war Mönch, dann Abt im Kloster Bec der Normandie, später Erzbischof von Canterbury, lebte wegen des Inyestiturstreites mit dem englischen König(Wilhelm II.) mehrere Jahre im Ausland, 1109 in Canterbury. Sein Grundsatz war: Credo, ut intelligam, erst müsse man durch den Glauben in den Besitz der Wahrheit kommen, ehe man über sie denken könne. Daher versuchte er in seinem»-Proslogium« einen Beweis(den sog. ontologischen) für das Dasein Gottes zu geben, in der Schrift»Warum ist Gott Mensch geworden?« die Thatsache der Erlösung und Versöhnung als nothwendig zu erweisen.

Peter Abailard, geboren 1079 in dem Dorfe Palais bei Nantes, zeichnete sich früh durch Scharfsinn, dialektische Gewandtheit und Disputiersucht aus. Nachdem er an mehreren Orten gelehrt hatte, errichtete er in Paris eine Schule und gob sich einem eitlen Weltleben hin. Wegen seiner heimlichen Ehe mit Heloise nahm deren Oheim grausame Rache an ihm, worauf er in das Kloster St. Denys ging. Bald erhob sich gegen ihn die Anklage der Irrlehre, eine Synode zwang ihn, seineEinleitung in die Theologie ins Feuer zu werfen; dann lebte er in mehreren anderen Klöstern. Als er von neuem in Paris eine Schule eröffnete, trat Bernhard von Clairveaux gegen ihn auf, denn Abailard wollte nur die Glaubenswahrheiten annehmen, die sich vor dem Verstand als richtig erweisen liessen. Auch hatte er die Widersprüche der Kirchenlehrer in seinem BuchJa und Nein(Sic et non) dargestellt. Eine Synode, ebenso der Papst verdammten Abailard als Ketzer. Er starb 1142 im Kloster Clugny, durch dessen Abt(Peter den Ehrwürdigen) mit Bernhard von Clairveaux versöhnt.

Petrus Lombardus( 1164) war Lehrer, dann Bischof in Paris. Sein dogmatisches Lehrbuch Sententiarum I. IV. war epochemachend; es wurde die Grundlage der späteren Scholastik und auf dem Lateranconcil 1215 kirchlich beglaubigt; des Lombarden Lehre von der Siebenzahl der Sakramente wurde Dogma.

Thomas von Aquino, der Sohn eines süditalischen Grafen, wurde in Monte Cassino erzogen und schloss sich dann dem Dominikanerorden an. Seine Familie wollte ihn mit Gewalt hindern und liess ihn 2 Jahre im väterlichen Schloss gefangen halten. Aber er blieb fest und studierte in der Einsamkeit eifrig die Schrift; endlich entfloh er aus dem Kerker und trat in das Kloster ein. Mit eisernem Fleisse studierte er in Cöln, seine Mitschüler nannten ihn anfangs den stummen Ochsen, aber sein Lehrer sprach weissagend:Dieser stumme Ochse wird einst die ganze Welt mit dem Ruf seiner Wissenschaft erfüllen. Er war Lehrer in Cöln, Paris und Rom. Als Scholastiker und Philosoph war er gleich gross (der engelgleiche Doctor), dabei ein beliebter Prediger. Aber höher noch als seine Gelehrsamkeit und sein Scharfsinn stand seine Demuth, Frömmigkeit und sein unbedingter Gehorsam. Sein Ruhm verlieh dem Dominikanerorden neuen