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Auf diese falschen Decretalen berief sich zuerst Nicolaus I.(858—867), der grösste Papst des 9. Jahrhundert. Er zwang Lothar II. von Lothringen seine verstossene Gemahlin wieder aufzunehmen, bewog die Kirche in Mähren und Bulgarien zum Anschluss an Rom und suchte auch dem Patriarchen von Constantinopel gegenüber seine Oberhoheit geltend zu machen.
Der Patriarch von Constantinopel war abgesetzt worden und an seine Stelle der gelehrte Photius erhoben, aber Nicolaus sprach sich für den Verdrängten aus, setzte Photius ab und that ihn in den Bann. Photius erwiderte denselben und beschuldigte die abendländische Kirche, das Glaubensbekenntniss gefälscht zu haben(durch den Zusatz filioque, cf.§. 11). Nicolaus erle bte noch den Triumph, dass Photius abgesetzt und der frühere Patriarch wieder eingesetzt wurde. Nach dessen Tod aber bestieg Photius den Patriarchenstuhl von Neuem.
Durch Nicolaus war das Ansehen des Papstthums so gestiegen, dass sein zweiter Nachfolger bei der Kaiserkrönung Karls d. Kahlen aussprechen konnte,»aus göttlichem Rechte und auf göttlichen Befehl verleihe der Papst die Kaiserkrone⸗. Im 10. Jahrhundert wurde das Papstthum ein Spielball der italienischen Grossen, die den römischen Stuhl mit den verworfensten Menschen besetzten. Das Papstthum gerieth in die tiefste Versunkenheit und verlor viel von seinem Ansehen. Otto I.(der, von Papst Johann XII. zu Hülfe gerufen, diesen bald wegen seiner Schandthaten absetzen liess) und seine Nachfolger setzten tüchtige Päpste ein, aber nach dem Aussterben des sächsischen Kaiserhauses traten bald wieder die alten gräulichen Zustände ein und zur Zeit Kaiser Heinrichs III. kamen in Rom sogar 3 Päpste auf(Benedict IX). Der Kaiser liess auf der Synode von Sutri 1046 alle 3 Päpste absetzen und einen deutschen Bischof(Suidger von Bamberg) zum Papst ernennen; die Römer mussten schwören, nie einen Papst ohne Zustimmung des Kaisers zu wählen. Heinrich III. erhob noch mebrere deutsche Bischöfe auf den päpstlichen Thron; einer derselben, Leo IX.(1048— 1054), begann den Kampf gegen die Simonie, die Priesterehe und die Sittenlosigkeit des Clerus; unter ihm wurde das Schisma zwischen der morgenländischen und abendländischen Kirche vollendet.
Als der griechische Kaiser sich aus politischen Gründen um die Freundschaft des Papstes bewarb, erliess der Patriarch von Constantinopel, Michael Cerularius, ein Schreiben, in dem er der römischen Kirche ausser anderen Ketzereien den Gebrauch von ungesäuertem Brot im heiligen Abendmahl vorwarf. Der griechische Kaiser bewog zwar Leo IX. Legaten nach Constantinopel zu senden, aber hier entbrannte der Streit noch heftiger. Die Legaten thaten die griechische
Kirche in den Bann; Michuel Cerularius erwiderte denselben 1054. Alle späteren Versuche der griechischen Kaiser, eine Wiedervereinigung zu bewirken, waren vergeblich.
Unter Leo IX. und den folgenden Päpsten übte grossen Einfluss Hildebrand, der Sohn eines Handwerkers aus Saona in Toskana, das Haupt der streng kirchlichen Partei, er wollte die Kirche von aller weltlichen Gewalt unabhängig machen, vor allem die Rechte des Kaisers beseitigen. Als nach Heinrichs III. Tode während der Parteikämpfe in Deutschland das kaiserliche Ansehen in Italien tief sank, wurden auf Hildebrands Betreiben mehrere Päpste ohne Rücksicht auf die kaiser- lichen Rechte gewählt und Nicolaus II.(1059— 1061) übertrug auf einer Synode in Rom die Papstwahl den Cardinälen und schloss mit den Normannen in Unteritalien einen Bund.— Nachdem Hildebrand 1073 als Gregor VII. den päpstlichen Stuhl bestiegen hatte, liess er sich noch von Heinrich IV. bestätigen. 1074 erneuerte er auf einer Synode in Rom die alten Cölibats- gesetze und führte sie trotz heftigen Widerstandes des Clerus(Synode in Erfurt) mit Hülfe der Mönche und des gegen die verheiratheten Priester aufgereizten Volkes rücksichtslos durch. 1075 verbot er die Simonie und die Investitur durch die Laien und bannte die Räthe Heinrichs. Als der Kaiser die Gebannten zurück rief und die päpstlichen Decrete unbeachtet liess, lud Gregor den Kaiser nach Rom zur Verantwortung. Heinrich liess auf einer Synode in Worms den Papst absetzen,


