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hat Johanna nicht Leute genug, wie die Chroniken ſagen. Warum entſendet man nicht die Hälfte der Heeresmacht von Saint⸗-Roch? Die andere Hälfte genügt vollkommen dem Zwecke eines Rückhaltes. Der Verſuch, eine Volkserhebung in Paris zu Stande zu bringen, iſt geſcheitert! Nun? kann nicht, was am hellen Tage mislang, im Dunkel der Nacht glücken? Am Tage band die Furcht die ängſtlichen Gemüther, die Nacht wird ſie befreien von der Beſorgnis, der Rache ihrer Dränger anheimzufallen. Nimmermehr kann die Beharrlichkeit der Belagerer ohne gewal⸗ tige Wirkung auf den Geiſt der Pariſer bleiben. Und geſetzt, Paris fällt nicht in der nächſten Nacht, iſt denn Orleans in einem Tage befreit? iſt Jargeau, ſind andere Feſtungen in einem Tage erobert worden? Man ließe ſich's wohl gefallen, daß Johanna das Größte mit den ge⸗ ringſten Mitteln vollbrächte, beſitzt man auch Glaubensſtärke genng, mit ausdauernder Thatkraft der Gewähr ihrer Verheißungen entgegenzuringen, wenn in einem halben Tage nicht das Un⸗ mögliche geleiſtet wird? Die Quellen geben die traurige Antwort: Weil es Nacht war und Jo⸗ hanna verwundet, weil die Krieger müde waren und das Waßer ſo tief, deshalb drangen meh⸗ rere Hauptleute zu wiederholten Malen in die Heldin, das Unternehmen aufzugeben und ſich zurückzuziehen. Johanna weigerte ſich ſtandhaft. Auch den Aufforderungen des Herzogs von Alencon und des Grafen von Clermont, welche von Saint⸗Roch Boten auf Boten an die Jungfrau ſchickten, gab ſie kein Gehör. Endlich kam der Herzog ſelbſt mit dem Grafen und beide ſowie der Herr von Gaucourt nebſt andern führten Johanna wider ihren Willen aus dem Bereiche der Gräben. Mit ungeheurem Schmerze wich ſie der Gewalt, indem ſie betheuerte: der Platz würde genommen worden ſein! Hat Alençon, haben die andern aus eigenem Antriebe ſo gehandelt? Oder auf des Königs Befehl? Die Quellen ſchweigen⸗), wir aber haben alle Urſache, überzeugt zu ſein, daß die Gegenwart des Königs und ſeiner Räthe beim Heere der Jungfrau wie immer, ſo auch jetzt, die Hände gebunden hat und demnach dem Unternehmen ſtatt zum Vortheil, vielmehr zum Unheil geworden iſt. Es war zwiſchen zehn und elf Uhr. Die Feldherrn ſetzten Johanna auf ihr Schlachtroſs und traten mit der ganzen Streitmacht den Rück⸗ zug an. Die Verwundeten wurden ſämmtlich mitgenommen. Die Feinde wagten keine Ver⸗ folgung. Johanna blieb mit dem Herzog von Alencon und der Vorhut, wie die Nacht zuvor, in La Chapelle, der König ging mit dem Herzog von Bar, dem Grafen von Clermont und der Hauptarmee wieder nach Saint-Denissl..
In Betreff der Verluſte, welche die königlichen Truppen an dieſem Tage erlitten, gehen die Berichte ſehr auseinander. Mehrere eugliſch-burgundiſche Chroniſten geben die Zahl der Todten und Verwundeten als ſehr beträchtlich an. Der vorgebliche Bürger von Paris erzählt ſogar, ein Tags darauf zum Abholen der Todten nach Paris gekommener Herold des Königs habe eidlich verſichert, im ganzen ſeien funfzehn hundert franzöſiſche Krieger von den Geſchoßen der Pariſer getroffen, davon fünfhundert oder mehr bereits geſtorben oder zum Tode verletzt. Indeſſen verdient dieſe Nachricht, weil von maßloſem Haße eingegeben, nur geringen Glauben. Die franzöſiſchen Schriftſteller behaupten dagegen, es ſeien zwar mehrere auf Seiten der Angreifer verwundet, aber faſt keiner getödtet worden. Für die Wahrheit dieſer Angabe findet ſich ein durchaus zuverläßiges Zeugnis, welches Clemens v. Fauquemberque in die Regiſter des pariſer Parlamentes niedergelegt hat, wo er wörtlich ſagt: Um zehn oder elf Uhr zogen ſie ab zu ihrem Schaden und ſie hatten mehrere Todte und Verwundete. s² Bedürfte das Zeugnis aus Fein⸗ des Munde einer Beſtätigung, wir würden ſie aus dem 57. Artikel des Promotors entnehmen**) welcher unſtreitig in einem ganz anderen Tone gehalten ſein würde, wenn die engliſch⸗burgun⸗ diſchen Chroniſten Recht hätten.
*) Mit Ausnahme jedoch der normanniſchen Chronik O. 1V, 342 sq., deren Worte wir dem⸗ nächſt anführen werden.. » 0. 1, 299: De exercitu ejus quam plures et ipsamet atroci vulnere sanciati fuerunt, et quidam interfecti.* Ln


