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ziehen, dann durfte Paris nicht an einem Puncte allein, es mußte an mehreren Stellen zugleich angegriffen werden, damit die Kräfte der Vertheidiger, die nur in ihrer Vereinigung zu fürchten waren, geſpalten und auf dieſe Weiſe gebrochen wurden. Ein partieller Angriff hatte ſeine Be⸗ denken und verſprach nur in dem Falle einen ſicheren Erfolg, wenn gleichzeitig eine Volks⸗ erhebung in Paris zu Bunſan des rechtmäßigen Landesherrn Katfand. Im königlichen Lager rechnete man auf einen großartigen Volksaufſtand und hoffte, wie gegneriſche Berichte beſagen, mehr von einem ſolchen, als von der Gewalt der Waffensz. Da aber dieſe Erwartung keine Gewisheit war, ſo mußte man den ſchlimmſten Fall entſchieden in's Auge faßen und im größten Maßſtabe Vorbereitungen zu einem allgemeinen Sturme treffen. Was letzteren beſonders er⸗ ſchwerte, war nicht ſowohl die Menge des feindlichen Geſchützes, als vielmehr die Tiefe der Waßergräben, welche Paris umgaben. Das wußten die franzöſiſchen Feldherrnos, und deshalb erforderte es ihre Pflicht, für ausreichende Mittel zum Uebergang und zur Füllung der Gräben Sorge zu tragen! Koſtete dies Zeit, ſo war es unſtreitig beßer, einen oder mehrere Tage länger zu warten, als durch Uebereilung alles auf's Spiel zu ſetzen. Was geſchah? Nichts oder ſo gut wie nichts von dem, was hätte geſchehen ſollen. Man that, was man hätte unterlaßen, und unterließ, was man hätte thun müßen. Und warum? Weil es weder dem König noch ſeinen Räthen mit der Sache ein aufrichtiger Ernſt war. In das Trugnetz ſeiner Unterhandlungs⸗ politik verſtrickt, war Karl von Anfang an nicht mit dem Herzen in Johannas Idee einge⸗ gangen und gab am Ende dem allſeitigen Drängen nur inſoweit nach, als er durchaus nicht umhin konnte. Ein nachdrücklicher, mit Ausdauer geführter Kampf um ſeine Reichshauptſtadt kam ihm auch jetzt nicht in den Sinn; höher, als zu einer ſchwächlichen Demonſtration“) verſtieg ſich ſein Gedanke nicht. Gelang der Verſuch, die Perle Frankreichs, wie unlängſt Troyes, we⸗ niger durch Gewalt, als durch den Schrecken vor Johannas Namen und durch den Patriotismus der getreu gebliebenen Pariſer wieder in das königliche Diadem einzuſetzen, ſo war das Kleinod um dieſen Preis nicht zu theuer erkauft; mislang dagegen der Verſuch, ſo behielt der König ja die burgundiſche Lüge noch immer zu ſeinem Troſt. Die Thatſachen moͤgen reden.
1 Gleich nach Karls Einzug in Saint⸗Denis ward das Unternehmen gegen Paris auf den folgenden Tag(8. Sept.) beſchloßen, und ſchon Nachmittags(des 7. September) rückte Johanna mit dem Herzog von Alençon, den Grafen von Vendöme und Laval, den Marſchällen von Rais und Sainte-Sévère, den Herrn von Gaucourt und von Albret, La Hire, Saintrailles und einer bedeutenden Kriegerzahl in das halbwegs zwiſchen Saint-Denis und Paris gelegene Dorf La Chapelle ein, von wo aus ſie noch vor Abend einen Streifzug bis unter die Mauern von Paris ausführtesa..
Wer war der Urheber dieſes Beſchlußes, der das Unternehmen gegen Paris auf einen der heiligſten Marientage feſtſetzte? Johanna nicht. Sie hat vor Gericht auf das beſtimmteſte verſichert, daß der Auszug gegen Paris an jenem Feiertage nicht auf ihr Begehren, ſondern auf Andringen der Krieger unternommen worden ſei, und daß ſie lediglich auf Bitten der Feldherrn (nobilium) ſich an demſelben betheiligt habe. Durch keine Offenbarung ihrer Heiligen will ſie zur Theilnahme bewogen worden ſein, weder auf Befehl noch gegen Verbot ihrer Stimmen den Zug mitgemacht habenbs. Die Heiligen haben ihr demnach bei dieſer hochwichtigen Entſcheidung ſefehlt geſchwiegen in einem der entſcheidendſten Wendepuncte ihres Lebens! Reuere Geſchichts⸗ orſcher haben dieſe Ausſagen der Jungfrau in Zweifel gezogen und die Vermuthung ausge⸗ ſprochen, Johanna habe aus Rückſicht auf ihre Stimmien den Richtern die Wahrheit vorent⸗ halten. Mit Unrecht, wenn auch mit ſehr ſcheinbaren Gründen. Allerdings ſcheint das Ver⸗ ſtummen der Heiligen im entſcheidenden Augenblick weder mit den Offenbarungen derſelben über
.*) Q. I, 147: Ivit(Johanna) ad requestam nobilium dui volebant facere unam in- vasionem, gallice„une escarmouche,“ vel unam valentiam armorum; et bene habebat intentionem eundi ultra et transeundi fossata villæ Parisiensis. Vergl. I, 57. 168. 262. 299.


