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erhoben hatte und zwei Tage nachher ſeinem öffentlich erklärten Todfeinde die Hand zum Ver⸗ gleiche bot! Da nach einer Handlung ſolcher Feindſeligkeit ſo ploͤtzlich an eine aufrichtige Sinnesänderung nicht zu denken war, ſo mußte ein Kinderverſtand begreifen, daß der Herzog den König Karl durch den Heuchelſchein der Friedensliebe betrog. Wer gleichwohl in der Ver⸗ ſtocktheit ſeines Egoismus dafür keinen Blick hatte, der mußte doch aus dem Umſtande, daß Philipp bloß für ſeine Perſon und nicht zugleich im Namen ſeines Bundesgenoßen den Frieden in Ausſicht ſtellte, die Ueberzeugung ſchoͤpfen, daß er dem Herzoge von Bethford die Treue brach. In beiden Fällen wie durfte man dem Treuloſen trauen? Möglich auch, daß das ganze Gebaren Philipps aus einem politiſchen Schaukelſyſtem entſprang, deſſen unſauberer End⸗ zweck darauf hinauslief, ſich die Wege nach beiden Seiten hin möglichſt offen zu erhalten, um ſowohl die glücklichen Erfolge als die Verlegenheiten beider Parteien im eigenſten Intereſſe aus⸗ zubeuten. Immer derſelbe Trug, dem gegenüber man wenigſtens ein heilſames Mistrauen be⸗ wahren mußte. Allerdings wäre es nicht klug geweſen, die dargebotene Hand unbedingt zurück⸗ zuſtoßen, man mußte im Gegentheil den Herzog wo möglich von England zu ſcheiden ſuchen, auf keinen Fall aber durfte man ſich in der Kriegführung irgendwie beirren laßen, am wenigſten den Zug gegen Paris auch nur um eine Stunde hinausſchieben.*) Bedeutende Waffenerfolge ſind ohne⸗ hin die beſten Vermittler und Förderer der Unterhandlungen, und wer einen vortheilhaften Frieden will, muß dem Worte mit gehobenem Schwerte Nachdruck leihen. Daß Johanna, wenn ſie über die Unterhandlungen zu Rathe gezogen wäre, was natürlich nicht geſchehen iſt, in keinem an⸗ dern Sinne gerathen haben könnte, verſteht ſich von ſelbſt, und wird ihr eigenes Wort uns ſpäter überzeugend darthun. So heiß ſie die Verſöhnung des Herzogs mit dem Koͤnige er⸗ ſehnte, was ihre Briefe an jenen beweiſen, wofür inſonderheit das am Krönungsmorgen abge⸗ faßte Schreiben ein rührendes Zeugnis ablegt, ſo fern lag ihr der Gedanke, ſich durch Unter⸗ handlungen in dem Befreiungswerk des Vaterlandes unterbrechen zu laßen. Der Verlauf der Begebenheiten wird die wahre Abſicht des Burgunderherzogs vollſtändig in's Licht ſetzen.
Die erſte Frucht ſeines wohl angelegten Ränkeſpiels war die, daß Karl ſtatt am 18. ſich erſt am 21. Juli nach Saint-Marcoul de Corbeny in Bewegung ſetzte und ſomit drei Tage verſchleuderte, die unter den bewandten Umſtänden mehr, als ebenſoviele Jahre, aufwogen. Schon in Corbeny offenbarte ſich die Wirkung, welche die Krönungshandlung in der ganzen Um⸗ gegend geäußert hatte. An Mareulfs Grabe nämlich überbrachten Abgeſandte der Bürger von Laon dem Könige die Schlüßel ihrer Fart feſtidien Stadts. Allenthalben, wohin fortan der Koͤnig kam, öffneten Städte und Schlößer ihm bereitwillig die Thore oder ließen durch Abge⸗ ordnete ihre Unterwerfung entbieten. Den 22. Juli brachte Karl in dem Städtchen Vailly zu, welches zu dem erzbiſchöflichen Bezirk von Reims gehörte. Die Bürger wetteiferten mit den Einwohnern der anliegenden Ortſchaften, dem Könige ihre Freude darzuthun und die Truppen zu verpflegen. Soiſſons, nur vier Meilen von Vailly entfernt, ließ an demſelben Tage dem Könige die Schlüßel überreichen zum Zeichen der Unterthänigkeits.
Am folgenden Morgen(23. Juli) hielt Karl VII daſelbſt ſeinen Einzug, von der Bürgerſchaft und Geiſtlichkeit mit beſonderen Ehrenbezeugungen empfangen. Während ſeines Aufenthalts in Soiſſons bekam er von Chateau-Thierry, Crécy in Brie, Provins, Coulommiers und andern Plätzen die aufrichtigſten Verſicherungen ihrer Ergebenheit. Er ſchickte darauf in dieſe Orte mehrere Offiziere ſeines Hecres, welche überall willkommen geheißen wurden, und ernannte den unermüdlichen La Hire zur Belohnung ſeiner tapferen Dienſte zum Amtmann(bailli) von Ver⸗ mandois. Volle fuͤnf, wenn nicht gar ſechs Tage blieb der König unthätig in Soiſſons!:
*) Wallon I, 149: Empecher le retour du duc de Bourgogne et prévenir l'arrivèe de Win- chester, voilà ce qu'il fallait faire; et marcher en avant pour arréter le second était encore le plus sur moyen de reternir le premier. On aima mieux commencer par entrer en négociation avec le duc de Bourgogne; on pensa que, lui gagné, l'Anglais serait déjà vaincu; et Jeanne dut accommoder sa conduite aux décisions qui avaient prévalu.


