Druckschrift 
4 (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

S

Gelobnis ſeiner Pflichten vor Gott abgelegt hatte, wurde er vom Herzog von Alencon zum Ritter geſchlagen, denn die Ritterwürde ſtand zu jener Zeit noch in ſo hoher Geltung, daß ſie einem Könige nicht fehlen durfte?4. Unmittelbar darauf ertheilte der Erzbiſchof unter dem Beiſtand der höchſten Prelaten Karl VII. die Salbung mit dem heiligen Ole, welche das natürliche Recht des Fürſten in der Idee des chriſtlichen Volkes zur Würde des göttlichen Rechtes verklärte, und ſetzte ihm ſodann die Krone auf's Haupt. Dabei befolgte er alle die Ge⸗ bräuiche, ſprach die Gebete, Segnungen und Ermahnungen gerade ſo, wie ſie die Kirchenordnung für dieſen Fall vorzeichnete.*) Es war ein herzerhebendes Schauſpiel, alle geiſtlichen und welt⸗ lichen Großen umſtanden ihren König, und dicht an ſeiner Seite hielt ſich während der ganzen Handlung die Jungfrau, die Fahne des Erlöſers in der Hand. Bei der Salbung ſowohl wie bei der Krönung rief das Volk ſein tauſendſtimmiges Noel und beidemal ſchmetterten die Trom⸗ peten dermaßen in das Jubelgeſchrei hinein,daß es ſchien, als müſten die Gewölbe der Kathedrale ber⸗ ſtend ſich ſpaltenos. Als nun eben damit der Höhepunkt der Feier vorüber war, warf ſich die Jungfrau in Gegenwart aller vor dem König nieder und ſprach, deſſen Kniee umfaßend und ihm den Fußküſſend, unter heißen Thränen:Edler König, nunmehr iſt das Wohlgefallen Got⸗ tes vollbracht, der da wollte, daß ich die Belagerung Orleans aufheben und Euch in dieſe Stadt Reims führen ſollte, um Eure heilige Weihe zu empfangen, damit offenbar würde, daß Ihr der wahre König ſeid und derjenige, dem die Krone Frankreichs von rechtswegen gebührt. Jeder, der die Jungfrau ſo knieen ſah und ihre Worte hörte, ward in tiefſter Seele bewegt, wer aber vermochte zu ermeßen, was in dieſem Augenblick in ihrem Herzen vorging!Es

war der Höhepunkt ihres Lebens. Der zweite und nach Johaunas Idee wichtigſte Theil ihres

Berufes war vollbrachtss..

Die erſten Handlungen des neugekrönten Königs, bevor er die Kirche verließ, waren die Erhebung der Herrn von Sulch und von Laval in den Grafenſtand und die Ernennung des Herrn von Rais zum Marſchall, die Ertheilung des Ritterſchlags an drei Edelleute, zu denen der Herr von Commercy gehörte. Auch der Herzog von Alencon, der Graf von Clermont und die übrigen Pairs ſchlugen viele Edelknappen zu Ritterno:. Nachdem zuletzt nochtHandſchuhe an alle Ritter und Edelleute ausgetheilt waren, welche der Feſtlichkeit beigewohnt hatten?s, wurde die kirchliche Krönungsfeier damit geſchloßen, daß das heilige Gefäß mit dem Salböl wieder ebenſo in die Abtei getragen und begleitet wurde, wie es in die Liebfrauenkathedrale gebracht worden war. Es war zwei Uhr nach Mittag geworden?.

Im erzbiſchöflichen Palaſte wurde das Krönungsmahl gehalten, zu dem alle Prelaten und Herrn eingeladen waren. Die Pairs, mit Ausnahme des Erzbiſchofs, bedienten den König an der Tafel1oo. Auch das Volk beluſtigte ſich an Spielen und Gelagen. Die Nachricht von der Krönung Karls VII. in Reims kam ſchon zwei Tage ſpäter, am 19. Juli nach Parisot.

Eine ganz beſoudere Freude war der Jungfrau in Reims beſchieden. Ihr Vater, der alte Jakob d'Are, und ihr Oheim, Durand Laxart, waren von Domremy nach Reims gereiſt. Da nun auch ihre beiden Brüder Peter und Johann mit dem Heere gezogen waren, ſo fühlte ſich Johauna auf kurze Zeit gleichſam in den Schoß der ländlichen Familie verſetzt, in der ſie Gott hatie geboren werden laßen 162. Die Landleute waren gekommen, um die Jungfrau in ihrer Herrlichkeit zu ſehen, ſie fanden in ihr das demüthige Mädchen wieder, deſſen Freude von Kindheit an das Dienen geweſen war. Wie alle, die ihre Thaten bewunderten, ſo werden

*) Wir ſind den Quellen treu gefolgt. Le Brun de Charm., welcher die Krönung vor die Salbung ſetzt, ſchreibt II, 316 sq. über die erſtere nach Villaret: Aussitôt le serment du roi prononcé, deux pairs ecclésiastiques, toujours conformément an cérémoniel, soulevérent le siége sur lequel le prince était assis, tandis que les autres pairs soutenaient la couronne royale au-dessus de sa téte; et ils le montrerent à& l'assemblée, représentant le penple, comme pour lui demander son consentement. 8 4 1