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Dem Johann Morel, einem ihrer Taufzengen, ſchenkte Johanna ein Kleidungsſtück von rother Farbe, welches ſie gerade trugss.
Schon am folgenden Tage(Freitag d. 15. Juli) verließ der Koͤnig Chalons, nachdem er einen Hauptmann und mehrere Ofßtziere daſelbſt eingeſetzt hattes:, und betrat den Weg, der ihn an's Ziel ſeiner Heerfahrt, in die alte Krönungsſtadt Reims bringen ſolltess. Wer möchte glauben, daß nach den gemachten Erfahrungen der König in ſeiner Seele noch Raum gehabt hätte für irgend einen Zweifel? Und dennoch ging er nur mit zagendem Herzen, denn er fürchtete ſich vor dem möͤglichen Widerſtand der Stadt Reims, weil es ihm an Belagerungs⸗ geſchütz fehlte. Ermunternd ſprach die Jungfrau zu ihm:„Seid unbeſorgt, die Bürger von
Reims werden Euch entgegenkommen und ſich ergeben, ehe Ihr noch vor ihre Stadt gelaugt ſeid. Gehet vuihis vorwärts und heget keinerlei Furcht, denn wollt Ihr mannhaft vorwärts gehen, ſo werdet Ihr Euer ganzes Reich wiedergewinnen“ 69. Um den Bürgern von Reims Zeit zur Überlegung zu laßen, machte Karl vier Stunden von Reims Halt in dem Orte Septſaulr und übernachtete daſelbſt in dem erzbiſchöflichen Schloßeo. Unter den Bürgern von Reims waltete keineswegs eine ſo feindliche Stimmung gegen Karl, wie in Troyes und Au⸗ rerre, vielmehr hatten dieſelben trotz der langen Fremdherrſchaft gröſtentheils eine echt Franzö⸗ ſiſche Geſinnung bewahrt. Schon zu Anfang des Feldzugs ſchrieb der Herzog von Burgund nach Reims, er habe Kunde erhalten, daß einige Bürger der Stadt dem Dauphin durch Briefe oder Boten die Verſicherung ertheilt hätten, daß wenn er in die Champagne einrücke, ihm die Thore von Reims geöffnet werden würden. Eine Beſtätigung dieſer Nachricht brachte der Mönch Richard nach Troyes, indem er auf ſein Prieſterwort und Gelübde bezeugte, er habe drei bis vier Leute, angeblich aus Reims, im Franeſiſchen Lager geſehen, welche dem Dauphin gleiche Verſprechungen gemacht hätten:!. Sich rückhaltslos für den König von Frankreich zu erklären, ſolange dieſer von der Stadt noch fern war, dazu hatten ſie freilich in ihrer eigen⸗ thümlichen Lage nicht Entſchloßenheit genug gehabt. Rings von Feinden umgeben, ſuchten ſie vielmehr klüglich den Schein ſtandhafter Anhänglichkeit an die Engliſch⸗Burgundiſche Sache zu wahren und theilten zu dem Ende den feindlichen Befehlshabern der Nachbarſtädte nicht bloß alles mit, was ſie uͤber den Marſch Karls VII. erfuhren, ſondern forderten dieſelben auch geradezu auf, jenem den Durchzug durch ihre Städte zu wehren:z. Beſonders blieben ſie mit Chalons und Troyes, an deren Schickſal ſie das ihre weſentlich geknüpft ſahen, in lebhaftem Verkehr und empfingen auf dieſe Weiſe die zuverläßigſten Berichte ſowohl über die jedesmalige Lage als über die Entſchlüße der Bewohner:s. So lange dieſe bei ihren Vorſätzen, ſich bis aufs Blut zu vertheidigen, beharrten und mit ungebrochenem Trotze alle Friedensanträge Karls VII. von ſich wieſen, mieden auch die Bürger von Reims ſo gut als möglich jeden Verdacht des Gegentheils. Zwar huteten ſie ſich mit weislichem Vorbedacht, dem Beiſpiele der Bürger von Troyes zu folgen und die Burgunder um Unterſtützung gegen die Franzoſen zu bitten*¹; aber ſie wagten auch nicht, einen Brief Karls VII., den ſie am 4. Juli aus Brinon⸗ LArcheveque erhielten, mit einer Silbe zu beantworten. Karl forderte ſie darin auf, ihn mit derſelben Treue und demſelben Gehorſam aufzunehmen, wie ſeine Vorfahren, indem er ihnen dagegen verſprach, ſie in allen Stücken als ſeine guten und getreuen Unterthanen zu behan⸗ deln, ohne der Vergangenheit irgendwie zu gedenken. Für den Fall, daß ſie ſich uͤber ſeine Abſichten noch beßer zu unterrichten wünſchten, empfahl er ihnen, einen oder mehrere Ver⸗ trauensmänner an ihn abzuſenden*s. So ſehr nun die Reimſer Bürger ſich bemühten, ihre wahren Geſinnungen zu verhüllen, ſo war doch die verſteckte Abſicht derſelben, dem Könige Karl ihre Thore zu öffnen, dem Commandanten der Stadt, Wilhelm von Chatillon, ſchon längſt kein Geheimnis geblieben¹6. Er hatte ſich deshalb noch ehe der König vor Troyes er⸗ ſchien nach Chateau-Thierry begeben und die Bürger von Reims ihren egedie Entſchließun⸗ gen überlaßen. Am 8. Juli ſandten letztere ihren Amtmann, Wilhelm odierne nach Cha⸗ teau⸗Thierry und luden ihn ein, nach Reims zu kommen, um ſich mit ihnen über die Ange⸗ legenheiten der Stadt zu berathen. Anſtatt ſelbſt der Einladung zu folgen, ſchte er durch


