Druckschrift 
4 (1860)
Entstehung
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ſich beim Heere befanden, zur Beſchießung der Stadt anfgeſtellt. Niemand weigerte ſich der

Mühe, weil jeder ſich freute, auf dieſe Weiſe ſeines Hungers bald ledig zu ſein. Die ganze Nacht hindurch ward an dieſen Zurüſtungen zum Sturme gearbeitet und Johanna leitete die⸗ ſelben mit ſolcher Geſchicklichkeit und mit ſo unermüdlichem Eifer,daß zwei pder drei der erfahrenſten und ausgezeichnetſten Kriegshelden es ihr nicht gleichzuthun vermocht hättense. Der Anblickeiner ſe außerordentlichen Rührigkeit und Kraftentwickelung reichte hin, den hochfahrenden Trotz der Stadtbewohner in kleinmüthige Verzagtheit umzuwandeln. Von Stund'an, wo Johanna die Maßregeln der Gewalt, wozu ſie dem König gerathen hatte, vorzubereiten begann, entſchwand den Bürgern, wie dieſe nachmals ſelbſt bekannt haben, aller Muth zum Kampfe. Das ver⸗ meßene Selbſtuertrauen, womit ſie noch jüngſt eidlich gelobt hatten, ihre Stadt bis auf den Tod zu vertheidigen, ſank zur peinlichſten Furcht herab, welche ſie zu Scharen in die Kirche trieb, nm bei Gottes Barmherzigkeit Rettung zu ſuchenst. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo der Biſchof, der Domdechant und die übrigen Geiſtlichen von Troyes, welche ſich ſeit Richards Rückkehr der Sache Frankreichs im Stillen zugeneigt hatten, ihren Einfluß auf das Volk gel⸗ tend machen konnten. Sie bedienten ſich dazu vorzugsweiſe des beredten Franziskanermönches Richardsz, welcher ſeit ſeiner Bezeguung mit Johanna durchaus für die Sache des Königs gewonnen war. Dieſem war es ein Leichtes, unter dem Eindruck des Schreckens die Geſinnung der Stadtbewohner zu Gunſten Karls VII. umzuſtimmen. Die Bedrängten beſannen ſich ſchnell darauf, daß nicht der Köuig von England, ſondern Karl VII. ihr rechtmäßiger Herr und Gebieter ſei; ſie gedachten des allverbreiteten Gerüchtes, daß Gott die Jungfrau geſandt habe, um Karl VII. auf deu Throu ſeiner Väter zu erheben, und ſtellten ſich lebhaft Johaunas wunderbare Thaten vor, wobei ihnen namentlich der Gedanke ſchwer auf die Seele fallen mochte, wie hart das Schwert derſelben die in ihrer Untreue beharvenden Franzoſen getroffen habe. Kurzohe noch ein Gewaltſchritt gegen Troyes geſchehen war, erfolgte eine ſo vollſtäudige Sinnesänderung der Bürger, daß es ſchien, wie die Chronik der Jungfrau ſich ausdrückt,als weun ihnen Gott das Herz plöͤtzlich bewegt und einen guten Willen eiugegeben hätte. Als nun am Morgen des 9. Juli Johanna mit dem Siegesbanner in der Hand ihre kampfbereiten Truppen gegen die Mauern führte und unter dem Rufe: Zum Sturme! das Faſchinenwerk in die Gräben zu werfen befahl,*) da trat der Biſchof vor die angſterfüllte Bürgerſchaft und erbot ſich zum Vermittler einer gütlichen Vereinbarung mit dem König. Unterhandeln! ſo ſchallte es bald aus jedem Munde, ſogar die Krieger der Burgundiſchen Beſatzung ſollen dazu gerathen haben. Man beſchloß, auf der Stelle eine Geſandtſchaft au den König zu ſchicken und zu ermitteln, ob und unter welchen Bedingungen derſelbe zu einem friedlichen Uberein⸗ kommen geneigt ſei. Demzufolge begab ſich der Biſchof Johann Leguiſé, an der Spitze der Geiſtlichkeit und begleitet von einer Auswahl der angeſehenſten Bürger in's Lager des Königsss. Karl erklärte den Geſandten, er ſei nach dem Tode ſeines königlichen Vaters der einzige und alleinige Erbe Frankreichs; aus dieſem Grunde habe er ſeinen Zug nach Neims nnternommen, um ſich krönen zu laßen, ſowie in die andern Theile ſeines Reichs, um dieſelben ſeinem Scep⸗ ter zu unterwerfen; er wolle alles ohne Ausnahme vergeßen und vergeben, was vergangen ſei, und ſeine Unterthanen in Frieden und Freiheit regieren, gleichwie es einſt der heilige König Ludwig gethan habese. Mit dieſem tröſtlichen Beſcheid kehrten die Abgeordne⸗ ten nach Troyes zurück. Die Bürger faßten darauf in großer Verſammlung den Beſchluß, Karl VII. als ihrem rechtmäßigen Herrſcher anzuerkeunen und ihm vollſtändigen Gehorſam zu leiſten unter der Vorausſetzung, daß er ihnen unbeſchränkte Amneſtie gewähre und keine

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Garniſon in der Stadt zurücklaße, daß er alle Verbrauchsſteuern mit Ausnahme der Salzſteuer

*) Die Erzählung der Chronik der Jungfrau 9, 1V. 251:Einige geringe Leute ſagten, ſie hätten um die Fahne der Jungfrau eine große Menge von weißen Schmertterlingen geſehen, findet ſich in keiner der andern Quellen und iſt vielleicht aus. 1, 103 entſtanden. 82