28 mehrere Tage lang keinen Bißen Brot zu eßen bekamen, ſondern ſich mit halbreifen Getreide⸗ körnern und Bohnen begnügen muſten, die ſich auf den Fluren vorfanden. Zum Glück hatten die Leute von Troyes in dieſem Jahre eine ungewöhnlich große Menge von Ackern mit Boh⸗ nen beſät. Der Moͤnch Richard hatte nämlich in ſeinen Predigten bildlicher Weiſe geſagt:„Säet, ihr guten Leute, ſäet brav Bohnen, denn der, der da kommen ſoll, wird ſehr bald kommen,“ und dieſe Worte hatten die Leute im eigentlichen Sinne verſtanden. Natürlich konnte ſolche Nahrung nur augenblickliche Abhülfe ſchaffen und den nagendſten Hunger beſchwichtigen, allmäh⸗ lich aber begann Unmuth und Verzweiflung ſich des ganzen Heeres zu bemächtigen4s. Dieſe Stimmung benutzten diejenigen unter den königlichen Räthen, welchen die Krönungsfahrt von Anfang an ein Dorn im Auge geweſen war, um Karl zur Umkehr nach Gien zu überreden, indem ſie ihm außer dem allgemeinen Nothſtand und dem beharrlichen Ungehorſam der Stadt Troyes namentlich die Thatſache vorhielten, daß Chalons und Reims ebenfalls in feindlichen Händen und zum Widerſtand gerüſtet wären.“*) Karl verſammelte deshalb am 8. Juli, alſo am dierten Tage der Belagerung, ſeine Räthe, die Feldherrn und Hauptleute zu einer Berathung über die Frage, was unter den bewandten Umſtänden zu thun ſei. Er ſelbſt führte den Vorſitz. Offenbar gab es drei Auswege aus der ſchwierigen Lage. Entweder muſte man ungeſäumt an die Loire zurückgehen, oder Gewalt gegen Troyes gebrauchen, oder endlich nach Reims weiter⸗ ziehn und eine ſo mächtige Stadt wie Troyes unbezwungen im Rücken laßen 46. Die letztere Möglichkeit war ebenſo gefährlich, wie die erſtere ſchandvoll; für eine Johanna gab es von Anfang an keine andere Wahl, als Erſtürmung der abtrünnigen Stadt. Das wuſten die, welche die Fortſetzung des Feldzugs zu vereiteln trachteten, und darum— ſollte man es glau⸗ ben?— war Johanna nicht im Rath! Der Erzbiſchof von Reims und Kanzler von Frankreich erhielt vom Könige den Auftrag, das Wort in der Verſammlung zu führen. In einer wohl durchdachten, ſchlau berechneten Rede ſetzte er zuerſt auseinander, daß wegen der aufreibenden Hungersnoth und des allgemeinen Geldmangels ſich das Heer nicht länger vor Troyes in ſeiner bisherigen Stellung zu halten vermöge. Sodann legte er die Gründe dar, weshalb es nicht gerathen ſei, Gewaltſchritte gegen die Stadt zu verſuchen. Die Bewohner von Troyes, ſagte er, ſind ganz und gar nicht gewillt, ſich in den Gehorſam des Königs zu begeben, wie dies die fruchtloſen Unterhandlungen ſattſam bewieſen haben. Die Stadt im Sturme zu nehmen, aber würde ein abenteuerliches Unterfangen ſein, da dieſelbe mit Mauern und Grä⸗ ben ſtark geſchützt, mit einer tüchtigen Beſatzung von Kriegern und Bürgern verſehen, überdies mit Lebensbedarf reichlich verſorgt iſt. Wir dagegen haben weder Artillerie noch ſonſtiges Geſchütz, nicht einmal die zur Eroberung einer ſolchen Stadt nothwendige Kriegerzahl. Zum Schluße gab der Erzbiſchof zu bedeuken, daß man bis nach Gien an der Loire, welches mehr als 30 Meilen entfernt ſei, keinen Platz, keine Feſtung habe, worauf man ſich ſtützen, oder woher man Hülfe beziehen könne. Dies der Zielpunkt, der Kern und Stern der ganzen Rede. Nicht zwar mit ausdrücklichen Worten, aber füͤr jeden Hellſehenden mit unverkennbarer Klar⸗ heit war damit angedeutet, daß unter den obwaltenden Verhältniſſen auch jedes weitere Vor⸗ gehen nach Reims unbeſonnen, daß folglich die ſchleunigſte Rückkehr an die Loire das einzig Vernünftige ſei. In der That, Reinhold von Chartres iſt vor Troyes derſelbe noch, der in Blois dem Werke der Jungfral gleich im Entſtehen den Todesſtoß zu verſetzen ſuchte. Ein Fünkchen echten Glaubens an Johannas höhere Miſſion hätte dem Erzbiſchof und hätte dem Koͤnig ein ſolches Spiel hinter dem Rücken der Jungfrau rein unmöglich gemacht. Gewißen und Schamgefühl würden ihm das Blut in die heuchleriſchen Wangen getrieben und das läſterlich lächerliche Wort in der Kehle erſtickt haben. Nachdem der Kanzler ſeine ſcheinheilige Rede geendet hatte, forderte ihn der König auf, die gegenwärtigen Herrn der Reihe nach
1 44½ 5 1.* 7 ) 0. IV, 182 heißt es: fut par aucuns conseillé au roy. Daß wir nicht im Jerthum ſind, wenn wir unter den aucuns die widerwilligen Räthe des Königs verſtehen, wird der Verfolg lehren.


