Druckschrift 
4 (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

272

digte ſie keiner Antwort. Richard wurde, als der Hexerei und Verrätherei verdächtig, in Gewahrſam gehaltenss.

Auch der König bemühte ſich, die Stadt durch gütliche Mittel zur Unterwürfigkeit zu bewegen. Er ſandte am Morgen des5. Juli, bevor er ſelbſt mit dem Heere anlangte, mehrere Herolde nach Troyes mit einem von ſeiner Hand unterzeichneten und mit ſeinem Geheimſiegel verſehenen Schreiben, worin er die Einwohner benachrichtigte, daß er, auf ſeiner Krönungsfahrt nach Reims begriffen, am folgenden Tage durch ihre Stadt zu ziehen willens ſei, und ſie demgemäß aufforderte, ſich zu ſeinem Empfange zu bereiten, insbeſondere ihm den pflichtſchul⸗ digen Gehorſam zu leiſten. Unter dieſer Vorausſetzung ſicherte er ihnen ſeine volle Gnade zu und verſprach, keinerlei Rache zu üben, vielmehr alles vergangene zu vergeßen. Fruchtlos blieb auch dieſer Verſuch. Nicht einmal wurde den Herolden der Eintritt in die Stadt ver⸗ gönnt, ſondern ihnen, nachdem der Brief im Rathe vorgeleſen worden war vor den Mauern die Antwort ertheilt, die Herrn und Ritter, welche ſeitens des Königs(von England) und des Herzogs von Burgund in der Stadt wären, hätten ſammt den Bewohnern einen Schwur gethan, niemand in Troyes einzulaßen, der ihnen an Stärke überlegen ſei, ohne ausdrück⸗ liche Erlaubniß des Burgunderherzogs. Kraft dieſes Eides wagten ſie nicht, ihn(Karl VII.) in die Stadt aufzunehmen. Die Bürger, welche wohl einſahen, daß ohne Hülfe ein Wider⸗ ſtand auf die Dauer unmöglich ſei, und ſich deshalb für alle Fälle zu decken wünſchten, ließen zu ihrer beſondern Entſchuldigung beifügen,was auch ihr Wille ſein möchte, ſie ſeien gebunden durch die große Menge der Krieger, welche ſtärker als ſie in der Stadt wären. Von beiden Briefen, dem der Jungfrau und des Königs, ſchickten ſie ſofort Abſchriften an die Bürger von Reims und meldeten ihnen, daß ſie noch an dieſem Tage das Eintreffen der Feinde und den Anfang der Belagerung erwarteten, daß ſie aber ſämmtlich auf den doſlbaren Leib Jeſu Chriſti geſchworen hätten, ſich ſelbſt und die Stadt bis zum Tode im Gehorſam des Königs und Herzogs zu bewahren, in Anbetracht ſowohl ihrer gerechten Sache als des ihnen von den Fürſten verſprochenen Beiſtandes. In letzterer Hinſicht erſuchten ſie ihre Brüder von Reims, ſich mit der Bitte an die Herzöge von Bethford und von Burgund zu wenden, daß ſie mit ihren armen Unterthanen Mitleid haben und ihnen zu Hülfe eilen möchten. Dieſelbe Bitte erneuer⸗ ten ſie um 5 Uhr Nachmittags, wo ſie die um 9 Uhr Morgens erfolgte Ankunft Karls VII. und den Beginn der Belagerung mit dem Zuſatz nach Reims und Chalons berichteten, ein jeder von ihnen habe ſich auf die Mauern und auf ſeinen Wachpoſten geſtellt mit dem feſten Entſchluße, wenn man Gewalt gegen ſie brauche, bis auf den Tod zu widerſteheu o.

Troyes war eine bedeutende, mit Mauern und Gräben wohl vendalrte Stadtal, welche durch ihre zahlreiche Bürgerſchaft ſowie durch 500 bis 600 Engländer und Burgunder ver⸗ theidigt wurdenz. Letztere machten auf die anrückende Vorhut des königlichen Heeres einen hitzigen Angriff, wurden aber nach kurzem Gefechte genöthigt, ſich in verwirrter Flucht hinter die Stadtmauer zurückzuziehen¹s. Karl VII. lagerte ſich darauf mit ſeiner Armee ganz in der Nähe der Stadt, die Belagerten blieben kampfbereit auf ihren Schutzwerken. Statt nun ſofort Gewaltmaßregeln gegen die Stadt zu ergreifen, legte ſich der König auf's Unterhandeln, trotz⸗ dem daß er ſchon einmal ſchnöde zurückgewieſen war. Die Bewohner von Troyes gaben drei volle Tage lang keinem Vorſchlag zur Güte Gehörzs. Neichlich mit Lebensmitteln verſorgt mochten ſie erwarten, daß der Mangel derſelben den König bald zwingen würde, unverrichteter Sache von ihren Mauern aböziehen. Das war die erſte bittere Frucht und die verdiente Strafe, welche dem König ſein mattherziges Verfahren mit Auxerre eintrug. Die unwürdige Politik ſeiner Räthe, welche jene Schmach ichulthatte drohte ihm aber vor Troyes eine noch weit empfindlichere Niederlage. Welch ein Gegenſatz zwiſchen dieſem halt⸗ und kraftloſen Ge⸗ baren und jenem Eilen von That zu That, das in Orleans wie auf dem Loirefeldzuge, wo Johanna allein die treibende Macht war, Freund und Feind in Staunen ſetzte! Bald waren die wenigen Vorräthe aufgezehrt, welche das Heer bei ſich führte, und eine ungeheure Hun⸗ gersnoth brach aus. Die Nahrungsmittel wurden ſo theuer, daß 5000 bis 4 Soldaten