26
Drei Tage hatte Karl mit der Armee vor Auxerre zugebrachtst, am 4. Juli zog er weiter durch Brinon⸗-L Archevéque, Saint⸗Florentin und Saint⸗Phal. Alle drei Plätze ergaben ſich ohne weiteress.. Vor dem Abmarſch nach Troyes hielt die Jungfrau eine große Heerſchau, wobei ſich herausſtellte, daß die Kricerzah unterwegs nicht unbeträchtlich gewachſen war; auch in den vom Feinde unterjochten Gebietstheilen nämlich ſcharten ſich fortwährend Waffen⸗ fähige aus allen Ständen unter Johannas Freiheitsbannerss. Am 5. Juli Morgens gegen neun Uhrs erſchien Karl VII. vor Troyesss, jener Stadt, worin vor 9 Jahren der ſchmähliche Vertrag abgeſchloßen ward, welcher den Dauphin für alle Zeit des Thrones ſeiner Väter ver⸗ luſtig erklärte. Die Bewohner von Troyes, welche ſich nicht nur beim Abſchluß jenes Ver⸗ trages, ſondern auch während der ganzen Folgezeit als eifrige Anhänger der Engliſch⸗Burgun⸗ diſchen Partei gezeigt hatten und deshalb die Rache des Königs in beſonderem Grade fürchten mochten, waren gleich zu Anfang des Kroͤnungsfeldzuges in leidenſchaftliche Aufregung gera⸗ then undhatten bereits am 1. Juli nach Reims geſchrieben,„wenn ſie von den Feinden aufgefordert werden ſollten, etwas zu thun, was der Partei zuwider wäre, womit ſie es hielten, ſo wären ſie entſchloßen, eine durchaus abſchlägige Antwort zu geben, und bis in den Tod hinein der Sache des Königs von England und des Herzogs ven Burgund treu zu bleibenss. In dieſer Stimmung empfingen die Bewohner von Troyes folgenden Brief, welchen Johanna am 4. Juli von Saint⸗Phal aus an ſie gerichtet hatte:—
Zheſus+ KMaria
Sehr liebe und gute Freunde, wenn Ihr nichts dagegen habt, Herrn, Bürger und Ein⸗ wohner der Stadt Troyes. Johanna die Jungfrau thut Euch kund und zu wißen von Seiten des Himmelskönigs, ihres rechtmäßigen und oberſten Gebieters, in deſſen königlichem Dienſte ſie jeden Tag ſteht, daß Ihr wahren Gehorſam und Anerkennung leiſtet dem edlen König van Frankreich, welcher ſehr bald, was auch dawider komme, in Reims und Paris ſein wird und in ſeinen guten Städten des heiligen Reiches, mit Hülfe des Königs Jeſus. Treue Franzoſen, kommt dem König Karl entgegen, unterlaßt es nicht, und heget keine Furcht um Eure Perſon oder Eure Habe, wenn Ihr ſo thut. Thut Ihr nicht ſo, ſo verheiße und verſichere ich Euch bei Eurem Leibe, daß wir mit Gottes Hülfe in alle Städte, welche zu dem heiligen Reiche gehören, eintreten und daſelbſt ſicherlich guten Frieden ſchließen werden, was auch dagegen komme. Gott befehle ich Eunch, Gott behüte Euch, ſo es ihm gefällt. Antwort balds⸗...
Mit dieſem Briefe war der Auguſtiner⸗ oder Franziskauermönch Richard dem Heere vor⸗ ausgeeilt, derſelbe, welchen die Engländer ſeiner Predigten halber am 30. April aus Paris entfernt hatten. Seit dem war er in der Bourgogne und Champagne umhergezogen und hatte auch hier durch ſeine Beredtſamkeit großes Anſehen erlangt. Als das königliche Heer ſich Troyes näherte, ging Richard, der ſich wahrſcheinlich damals in Troyes befand, demſelben ent⸗ gegen, ſei es aus eignem Antrieb oder bewogen von den geiſtlichen Herrn zu Troyes, auf jeden Fall in der Abſicht, die Jungfrau zu beobachten*) und ſich Gewisheit zu verſchaffen, ob ſie vom Teufel oder von Gott ſei. Indem er Johanna erblickte, machte er das Zeichen des Kreuzes und ſprengte Weihwaßer vor ſich her.„Kommt nur dreiſt heran, ich werde nicht davonfliegen,“ ſagte Johanna, der Mönch gewann bald Zutrauen und die Jungfrau beauf⸗ tragte ihn mit der Beſorgung ihres Briefesss. Dieſer mehrte nur den Geiſt des Widerſpruchs in Troyes. Man wollte weder Sinn noch Verſtand darin finden, ſondern lauter Abgeſchmackt⸗ heiten, und warf das Original, nachdem man eine Abſchrift genommen hatte, mit Verachtung in's Feuer. Johanna nannte man eine Prahlerin, eine Närrin voll des Teufels und wür⸗
) Johanna vermuthet G. 1, 100 que ceulx de la ville de Troyes, comme elle pense, l'eavoièrent devers elle, disans que ilz doubtoien: que ce ne fust pas chose de par Dieu(dicentes quod dubitabant ne ipsa Johanna non esset res veniens ex parte Dei). 291.


