21
noch mit Sicherheit die Schritte zu thun, welche die Hand Gottes ihm klärlich vorzeichnete. Das bloße Herr Herr ſagen macht den Glauben nicht, Geiſt und Kraft Gottes iſt er, gewiſſe Zuverſicht der Hoffnung, und daß in dieſem Sinne bei Karl von Glauben nicht die Rede ſein kann, das zeigt ſein Than ſelbſt dem blödeſten Auge. Er, der zweimal zur Beſchämung ſeines Kleinmuthes das ſcheinbar Unmögliche hatte wirklich werden ſehen, bangte jetzt vor der dritten Glaubensprobe, deren Lohn die goͤttliche Weihe ſeines Königihuns ſein ſollte. In unbe⸗ greiflicher Kürze waren durch den Heldenarm der Jungfrau anſcheinend unbezwingbareßeſten gefallen, das ganze Feindesheer in einer Hauptſchlacht ſo gut wie aufgerieben, und Karl, getragen von einer zahlreichen, glanbensmuthigen Armee, erſchrak in der Feigheit ſeines Unglaubens vor den Städten und Burgen auf dem Wege nach Reims, von denen keine ſo ſtark bewehrt war, als Jargeau. Er ſah vor Augen, wie nach den erfochtenen Siegen das Nationalgefühl des Franzöſiſchen Volkes ſich allenthalben zu erheben und zu bethätigen begann, dennoch vermochte er, weil der lebendigen Hoffnung auf Gott ermangelnd, weder zu ſeinem Volke das rechte den noch zu ſeiner Sache ein unerſchütterliches Vertrauen zu faßen. Und wenn er ſich am Ende u dem Krönungsfeldzuge verſtand, ſo war dies, wie die Folge zeigt, kein Sieg, den er über ſich ſelbſt gewann, ſondern nur ein Opfer, das er dem allſeitigen Drängen des Volkes und der Unbeugſamkeit der Jungfrau zu bringen nicht umhin konnte. Die Begeiſterung des Heeres und Volkes, welche ſeit der Schlacht bei Patay den Höhepunkt erreicht hatte, war in Gien die gewaltigſte Stütze für Johannas Glaubensenergie, wie in Chinon und Poitiers die Noth der Stadt Orleans.— Als Vertreter der Anſicht, daß man den Krieg zunächſt in die Normandie zu tragen habe, bezeichnet Graf Dunois die Herrn von königlichem Geblüte. Unſtreitig haben wir unter dieſen vorzugsweiſe an den Herzog von Alencon zu denken. Der eigennützige Wunſch, ſo ſchnell als möglich zum Wiederbeſitz ſeiner Apanageländer in der Normandie zu gelangen, machte ihn, wenigſtens anfänglich, zum Gegner des Kroͤnungsfeldzuges.— Die Hauptwiderſacher der Jungfrau aber haben wir nach der Verſicherung des Perceval von Cagny in dem Kabinet des Königs zu ſuchen. Dieſe waren es, welche des Koöͤnigs Hang zur Ün⸗ thätigkeit dazu misbrauchten, ſenen Widerwillen gegen den Zug nach Reims durch Bedenken jeder Art zu mehren und dies nichtswürdige Treiben auch noch im geheimen unabläßig fort⸗ been nachdem ſie bereits für gut befunden hatten, dem offenen Widerſpruch gegen die Jung⸗ rau zu entſagen?. 4 der Herr von La Trémouille, welcher an der Spitze des königlichen Kabinettes ſtand, war in jedem Betracht das leibhaftige Widerſpiel der Jungfrau. Suchte Johanna nicht das Ihre, ſondern das was Gottes und ihres Königs war, ſo ging La Trémouilles Lanzes Dichten und Trachten in der Selbſtſucht ſeines Ehrgeizes auf. Dort Glaube bis zum Selbſtvergeßen, eine Liebe zu König und Vaterland, wie ſie nur im Lichte religiöſer Idee geboren wird; hier eine Hingabe an das eigne Intereſſe, die Gott und alles, nur nicht ſich ſelbſt vergißt und kein anderes Richtmaß des Handelus kennt, als den perſönlichen Vortheil. Sich die Gunſt des Fürſten zu erſchmeicheln und dadurch in den Alleinbeſitz der Regierungsgewalt zu drängen, das war von dem Tage an, wo ihn der Connetable an Hof brachte, der Zielpunkt ſeines alleinigen Strebens. Die verkehrten Anſichten und Neigungen des Fürſten boten ihm die Mittel zum Zweck, indem dieſelben ſo glücklich mit ſeinen Beſtrebungen zuſammenpaſten, daß jenen dienen dieſe fördern hieß. Wie jeder eigenſinnige Schwächling hielt Karl alle Perſonen von ſeinem geheimen Rathe fern, denen entweder die Hoheit der Geburt oder die Gediegenheit des Characters eine Selbſtändigkeit der üͤberzeugung und des Willens bewahrte. Welchen andern Grundſatz hätte La Trémouille im eigenen Intereſſe befolgen dürfen? Gerade dadurch, daß er den Prinzen vom Geblüt jeden Einfluß auf die Regierung abſchnitt und den Connetable von Hof und Heer verbannte, bekam er die Leitung der Geſchäfte ungetheilt in ſeine Hand. Mangel an Vertrauen zu dem eignen Volke bewog den Koͤnig, die Stützen ſeines Thrones in fremden Truppen zu ſuchen; die Furcht, in einem vaterländiſchen Heere eine Macht gegen ſich ſelbſt heraufzubeſchwören, nöthigte dem Herrn von La Tremouille das gleiche Verfahren auf. Noch


