19
waren mit dieſem Verfahren des Königs, wodurch er ſich einer tüchtigen Streitmacht für den Kriegszug beraubte, im höchſten Grade unzufriedens. Über Gegenſtand und Ergebnis der anderweitigen Berathungen in Chateauneuf erfahren wir nichts. Vermuthlich wurde die Heerfahrt nach Reims in Erwägung gezogen. Darauf kehrte Karl nach Sully, Johanna mit den Feldherrn nach Orleans zurückt.— 119 19 Nicht lange verweilte Johanna in der geliebten Stadt. Schon Freitag den 24. Juni ſagte ſie früh Morgens zum Herzog von Alençon:„Laßet die Trompeten blaſen und ſteiget 5 Pferde. Es iſt Zeit, zum edlen Dauphin Karl zu gehen und ihn aufzufordern, daß er ich auf den Weg mache zu ſeiner Kroͤnung in Reims. Kurz darauf trat das ganze Heer, welches durch Zuzüge von allen Seiten beträchtlich gewachſen war, ſammt Proviantwagen und Kriegsgeräth den Marſch nach Gien an. In dieſe Stadt, welche zum allgemeinen Sammel⸗ platz der Truppen und zum Ausgangspunkt des Krönungsfeldzugs beſtimmt war, begab ſich der König mit ſeinem Hofe und einer Schar von Kriegern an demſelben Tage, um die ſieg⸗ reiche Armee mit gebührender Auszeichnung zu empfangen. Groß war die Freude, welche die Ankunft des Heeres in Gien verurſachte. Karl dankte den Feldherrn und Kriegern auf die ehrenvollſte Weiſe für ihre Verdienſte um Thron und Vaterland und heiligte die allgemeine Begeiſterung durch eine kirchliche Siegesfeiers. Johanna aber war die Sonne, um die ſich alles bewegte. Jedermann pries ſtaunend die Thatenwunder vom Sonnabend: Drei bedentende Deften an einem Tage dem König zurückerobert— Meun, Baugenci, Yenville— am ſelbigen age die Feinde in offener Feldſchlacht aufs Haupt geſchlagen! Wer hat Ahnliches erlebt? Niemals ſind ſolche Thaten geſehen worden, in keinem Buche lieſt man dergleichen! So ging's von Mund zu Munde. Mein Herr hat ein Buch, ſagte Johanna, in welchem nie ein Prieſter geleſen hat, mag er noch ſo vollkommen ſein in ſeinem Prieſterthum.“ Im Volke und Heere bezweifelte nach ſolchen Thatbeweiſen nicht leicht jemand, daß die Jungfrau den Beruf von Gott habe, alle Feinde binnen kurzem aus dem Reiche zu verjagen und dem Könige den Vollbeſitz ſeiner Herrſchaft zu erkämpfens. Und am Hofe? Sah man auch hier in Johannas Werken Thaten Gottes? Folgte man dem Rathe der Jungfrau als dem Willen Gottes und widerſprach nicht, weil Gott und ſeine Engel durch ihren Mund geſprochen? Verſtummte jeder Hochmuth, jede Selbſtſucht im Gehorſam des Glaubens, ging jede Zaghaftigkeit unter in der Zuverſicht freudigen Gottvertrauens? Oder wog man noch auf der Wage der eignen Weisheit, was Johanna verkündigte, erhob der Eigennutz noch ſo unverſchämt, wie früher, die freche Stirn?*) Die Antwort auf dieſe Fragen erhalten wir in den Verathungen zu Gien, welche den untrüglichen Gradmeßer für den Glauben des Königs und der höchſten Hofbeamten abgeben. Die Heerfahrt nach Reims war ſchon vor Beginn des Loireſelbzuges vom Könige be⸗ ſchloßen und öffentlich bekannt gemacht worden. Der Natur der Sache nach konnte alſo in
») Man vergleiche hier die Forderung welche Jakob Gelu vom Standpunkte des Glaubens ſeiner Zeit, der für unſer Urtheil allein maßgebend ſein muß, an den König und ſeine Räthe ſtellt, Q. III, 409: Quare credendum quod ille qui commisit(d. i. Gott), inspirabit creaturae suae quam misit, ea quae sunt agenda, melius et expedientius quam
prudentia humana exquirere posset.... Quare consuleremus quod in talibus, primo et prin- cipaliter exquireretur votum Puellae, et quamvis esset dubium nobis, vel non magnam apparentiam quoad nos habens, quod tamen, si fixe aliquid diceret, illud dominus rex sequere- tur, tanquam a Deo, propter manutenentiam negotii sibi commissi, inspiratum servaretur..... Sed ubi per divinam sapientiam aliquid est magis quam alias faciendum, succumbere debet et humiliare se prudentia humana et nihil debet attentare, proponere aut sequi quod divinam majestatem offendat. Et in hoc consilium Puellae primum et praecipuum dicimus esse debere, et ab ea ante omnes assistentes, quaerendum, investigandum et petendum. Qui dat formam, dat consequentia ad eam, et qui committit unum, committit et omnia sine quibus... Quare sperare in Domino debemus, qui causam regis suam fecit, quod talia inspirabit per quae res finem suum debitum et effectum sortietur; quia Dominus opus imperfectionis non novit. 3*
.


