Druckschrift 
4 (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

table ſeine früheren Gewaltſtreiche zu vergeben in Anbetracht der aufrichtigen Geſinnungen, die er neuerdings bewieſen. Sie ſtellte ihm die guten Dienſte dar, welche derſelbe in den letzten Tagen geleiſtet habe, und hob mit beſonderem Nachdruck den feierlichen Eidſchwur hervor, womit er bei Baugenci gelobt hatte, ſeinem Fürſten und Herrn als pflichttreuer Unterthan mit unverbrüchlichem Gehorſam zu dienen. Auch auf die attlihe Kriegerſchar des Graſen⸗ welche bei dem bevorſtehenden Feldzug nach Reims von großem Nutzen ſein konnte, lenkte ſie die Aufmerkſamkeit des Königs. Aber ſo warm auch ihre Bitten, ſo gewichtvoll die Gründe ſein mochten, womit Johanna der Begnadigung das Wort redete, ſie ſceiterten alle an dem übermächtigen Widerſtreben des Herrn von La Trémouille, welcher den, Willen des ſchwachen Königs vollſtändig beherrſchte. La Trémouille, früher ein Liebling bes Grafen und durch deſſen Empfehlung zu Einfluß bei Hofe gelangt, hatte ſeinem Gönner mit ſchnodem Undank vergolten und ihm das Heft der Regierung aus den Händen gewunden. Bei der Unfähigkeit des Königs war es ihm bald gelungen, unter dem beſcheidenen Titel eines conseiller cham- bellan die Leitung aller Staatsgeſchäfte in ſeiner Perſon zu vereinigen. Aber Frieden hoffe nimmer zu ernten, wer das Vertrauen mordet und die Herrſchaft auf Unrecht baut. Wie hätte La Trémouille auf dem Gipfel ſeiner Machtvollkommenheit ſich der Furcht vor dem Connetable und deſſen Anhängern entſchlagen können? Er kannte deſſen ſchroffe Gemüthsart und quälend ſtand ihm die blutige Rache vor Augen, womit derſelbe den Undank der Herrn von Giac und von Beaulien gezüchtigt hatte. Was anders konnte ihm eine Ausſöhnung des Königs mit dem Connetable bedeuten, als den eignen Sturz, wo nicht den Verluſt des Lebens? Wie natüuͤrlich, daß er in jedem Verſuche des Grafen, ſich dem Könige zu nähern, die verſteckte Abſicht witterte, ihm ſelbſt die Zügel der Regierung zu entreißen! Statt das Verſöhnungswerk zu fördern, muſte er im Gegentheil dahin arbeiten, das Herz des Königs dem Grafen immer mehr zu entfremden und den Bruch wo möglich unheilbar zu erweitern. Wie geſchickt er dies Ziel verfolgt hatte, erhellt aus der Antwort, welche Karl der Jungfrau ertheilte. Um ihr einen Gefallen zu thun und wenigſtens den guten Schein zu wahren, erklärte er ſich zum Verzeihen bereit, die Dienſte des Connetable aber ſchlug er unbedingt aus. Zugleich ließ er dieſem den Befehl zugehen, ſich in ſeine Heimath zurückzuziehen. Richemond wagte einen letzten Schritt. Da er wohl wuſte, daß was Johanna nicht vermochte, dem allgewaltigen La Trémouille immer noch möglich ſei, ſo ſchickte er die Herrn von Beaumanoir und Roſtrenen an letzteren mit der demüthigen Bitte, ihm den Dienſt im koͤniglichem Heere zu geſtatten; ja er erniedrigte ſich vor ſeinem Todfeinde bis zu dem Verſprechen, in allen Stücken den Willen deſſelben zu thun, ſogar die Kniee ihm zu küſſen. La Trémouille, welcher in dieſer Huldigung weiter nichts, als eine Schlinge der Argliſt ſah, ſchürte nur um ſo eifriger den Groll des Königs, und dieſer gab den Abgeſandten den unwiderruflichen Beſcheid, der Connetable ſolle hingehen, woher er ge⸗ kommen, lieber wolle er gar nicht gekroͤnt ſein, als in deſſen Gegenwart.*) Die gleiche Ungnade erfuhr der Graf von Perdriac und La Marche. Johanna ſowohl als viele der Oberſten

*) Um die Kriegsluſt ſeiner Leute zu befriedigen und die Lande des Herzogs von Orleans von den

überreſten der Feinde zu reinigen, beſchloß der Connetable, auf dem Heimwege Marchenoir, nordweſtlich von Baugenci, zu entſetzen. In dieſer Stadt lag eine aus Burgundern und Eng⸗ ländern gemiſchte Beſatzung. Zu ſchwach zum Widerſtande, ſchickte dieſelbe auf die Nachricht von dem Vorhaben des Connetable eine Geſandtſchaft nach Orleans an den Herzog von Alencon, um mit dieſem einen Vertrag wegen Übergabe des Platzes abzuſchließen. Der Herzog bewilligte den Engländern und Burgundern gegen Stellung von Geiſeln freien Abzug innerhalb zehn Tagen und ließ dem Grafen den Befehl zugehen, die Belagerung zu unterlaßen. Arthur gehorchte und kehrte mit ſämmtlichen Kriegsgenoßen nach ſeiner Hauptbeſitzung Partenay zurück, voll

Verdtuß über die erlittenen Kränkungen. Als die Feinde in Marchénoir ſich der Gefahr über⸗ hoben ſahen, dachten ſie nicht weiter an Erfüllung des Vertrags, ſondern machten mehrere Leute des Herzogs zu Gefangenen, welche ihnen für die Rückgabe ihrer Geiſeln haften muſten, und hielten nach wie vor den Platz beſetzt. 0. IV, 16. 70. 179. 246. 320.. 65