17 §. 5. Der Krönungsfeldzug nach Ueims.
Am Morgen nach der Schlacht bei Patay(Sonntag 19. Juni) begab ſich Johanna mit dem ſiegesfrohen Heere auf den Rückweg nach Orleans. Geiſtlichkeit und Bürger ſchaft empfingen die Heldin, der ſie die Großthaten der verfloßenen Woche allein zuſchrieben, mit begeiſtertem Jubel und veranſtalteten feierliche Dankgottesdienſtei. Auch der gefangene Herzog Karl von Orleans gab der Jungfrau einen Thatbeweis der Erkenntlichkeit für die Befreiung ſeiner Erblande, indem er ihr zwei in den Farben ſeines Hauſes prangende Kleidungsſtücke als Geſchenk verabreichen ließ.*) Ganz Orleans war in freudiger Erregung. Sämmtliche Bewohner ſchmeichelten ſich mit der Hoffnung, der König werde in den Mauern ihrer Stadt, welche für das allgemeine Beſte ſo neds⸗ Opfer gebracht, ſeine tapfere Armee begrüßen und die Anordnungen zum Krönungs⸗ zuge treffen. Mit um ſo gewiſſerer Zuverſicht glaubten ſie dieſe Erwartung hegen zu dürfen, als der König nach der Rettung der Stadt noch keinen Fuß in dieſelbe geſetzt hatte, und machten deshalb die glänzendſten Vorbereitungen zu einem feſtlichen Empfange. Vergebens harrten ſie mehrere Tage mit bis zur Empfindlichkeit geſteigerter Ungeduld. Um der treuen Stadt einen Liebesdienſt zu erzeigen und den gerechten Wunſch derſelben durch perſönliche Für⸗ ſprache zu unterſtützen, beſchloß Johanna, ſelbſt an's Hoflager nach Sully zu reiſen. Allein auch ihre eifrigen Bemühungen blieben wenigſtens in der K auptſache erfolglos. Zu einem Beſuche in Orleans war Karl durchaus nicht zu bewegen, die Rückſicht auf die Armee aber wahrte er einigermaßen dadurch, daß er die Befehlshaber derſelben zur Berathung nach Cha⸗ teauneuf beſchied und ihnen bis dahin am 22. Juni entgegen kam.**) Zu dieſem Verfahren, welches in Orleans große Verſtimmung erregte und ſelbſt bei manchen Hofleuten Misbilligung fand, bewog den König ohne Zweifel die Beſorgnis, mit dem Grafen von Richemond buau menzutreffen, der ihm perſönlich verhaßt war und von ſeinem Günſtling, dem Herrn von La Trémouille auf's heftigſte angefeindet wurdeꝛ. Der Connetable hatte ſich dem Verlangen des Herzogs von Alencon gemäß am Tage nach der Schlacht von dem königlichen Heere ge⸗ trennt und war nicht nach Orleans, ſondern nach Baugenci gezogen, um in beſcheidener Ferne abzuwarten, ob ihn der König auf Johannas und der Feldherrn Fürbitte wieder zu Gnaden annehmen würde.***) Auf jeden Fall bildete Arthurs Gnadengeſuch einen Hauptgegenſtand der Verhandlungen in Bhatlaneni Von den verſammelten Kriegshäuptern unterſtützt, bot Johanna alles auf, um den König zur Verſöͤhnlichkeit zu ſtimmen. Sie bat ihn, dem Conne⸗
*) 0. V, 112— 114. Sie beſtanden in einer robe d. i. sorte de lévite longue à l'usage des hommes von ſine Brucelle vermeille d. i. drap cramoisi superfin de Bruxelles und einer huque d. i. blouse ou cotte courte qui se portait soit par-dessous la robe, soit par-dessus Parmure von vert perdu d. i. vert sombre tirant sur le noir. Le vert et le cramoisi étaient les couleurs de la livrée de la maison d'Orléans. Le vert fut gai ou clair du temps du duc Louis. Apres qu'il eut été assassiné, son fils remplaca le vert gay par le vert brun. Le vert perdu succéda à ce dernier apres la bataille d'Azincourt, ou le prince fut fait prisonnier. **) Ehi unenf liegt am rechten Loireufer ein paar Stunden von Sully ſtromabwärts nach Orleans hin.
**) Dieſer Umſtand widerſpricht keineswegs der Annahme, daß Karl deshalb nicht nach Orleans ge⸗ kommen ſei, weil er gefürchtet habe, mit dem Connetable zuſammenzutreffen. Baugenci war ja ſo nahe bei Orleans, daß der Graf die Anweſenheit des Königs daſelbſt ſehr leicht hätte zu einer
Zuſammenkunft benutzen können. Bedenklich für La Trémouille muſte namentlich ein Zu⸗ ſammentreffen des Königs mit dem Grafen in Gegenwart des Heeres ſein. Konnte La Tré⸗ mouille bei der Characterſchwäche des Königs unbedingt ſicher ſein, dem Einfluß des Heeres, welches dem Connetable ohnehin zugethan und durch die Gemeinſchaft des jüngſt erfochtenen Sieges auf's engſte defreundet war, das Gegengewicht zu halten: 3


