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Zukunft Gott fürchte und den erkenne, der den Frieden ſäet, hat Gott beſchloßen, ihm durch ein zartes Weib wieder aufzuhelfen. Die Engländer dagegen, welche alle Bölker an Gran⸗ ſamkeit und Wildheit übertreffen, hat er zu größerer Schmach in eines Weibes Hand gegeben. Viele wundern ſich, daß Johanna nur Weiſſagungen für ihr Vaterland, nicht auch über fremde Länder habe, allein ohne Grund, wie aus dem Beiſpiel der altteſtamentlichen Propheten erhellt. An der männlichen Tracht der Jungfrau, woraus die Engländer auf Zauberei und teufliſche Eingebung ſchließen, iſt kein Anſtoß zu nehmen, denn B. Thomas lehrt,*) in Fällen der Noth oder aus anderen vernünftigen Urſachen könne ohne Sünde eine Ver⸗ tauſchung der Kleider ſtattfinden, und der heilige Hieronymus erzählt einen Fall dieſer Art, wodurch Johannas Verfahren vollſtändig gerechtfertigt wird.**) Von der Thatſache der Krönung Karls VII. hat der Verfaßer zur Zeit noch keine Kunde, das aber weiß er, daß Johanna dem Dauphin die Wiederherſtellung des Reiches verſprochen hat. An dieſe Weiſſagung knüpft er zwei andere, welche ſonſt niemand der Jungfrau zuſchreibt, daß nämlich Karl VII. zwanzig Jahre auf dem Throne ſitzen, und daß nach ihm ſein Erſtgeborener mit größerer Herrlichkeit und Macht regieren werde, als irgend ein König der Franken ſeit Karl dem Großen?.) Eigenthümlich iſt unſerm Prieſter auch die Behauptung, Johanna betrachte in der Nacht den Himmel und meße die Geſtirne.***) Doch iſt er weit entfernt, ſie unter die von der Kirche verworfenen Planetarier zu zählen; vielmehr bleibt er dabei, daß ihr ein guter Geiſt von Gott innewohne. Nur das fürchtet er, daß weun die Seherin das Maß ihrer Weiſſagungen erfüllt habe, das Franzöſiſche Volk wegen ſeines aufbrauſenden Characters das Joch Gottes abwerfen, auf die Stimme der Prophetin nicht mehr hören und ſie in Ver⸗ bannung ſchicken werde vo. Gefeierter wird ihr Name ſein im Tode, als im Leben(celebrior erit ejus memoria in morte quam in vita) ¹⁰¹
*) in Summa, q. LXIX, art. 2.
*) in libro Vitae Patrum, de Fratre NMarino, qui, negato sexu et habitu, religionem assumpsit mutato nomine foeminino in masculinum. 0. III, 440 sq.
*) 0, III, 433: Nocte astra coeli contemplatur et sidera metitur. 435: Ecce posui discretionem propter plus sapere de materia objecta. De militiis namque coeli pulchrum est loqui, quoniam sermo scintillat in auribus audientium; sed labor egregius, nam divinus; deorum enim particeps naturae astrologus reputatur. Nolo tamen hanc nostram sibyllam inter planetarios fore connumerandam, quos Eccſesia improbavit, ut caus. XXVI. qq. 2 et 3. per totum; sed imaginario genere, semoto dubio, non excluditur: quando somno plerumque educta, aut voce de coelo prolapsa, aut accepta parabola, corporaliter videndo res et ipsarum varietates, ex quibus elicit quis futurus praelii aut belli erit eventus; intuitu vero mentis, ita quod saepe in ecstasi videtur posita per maximum, ut sic revelationibus suis veritatem ministrando. Nam non dubito, quin quandoque, jejunno stomacho per diem naturalem consideret ponderetque rerum exitus et optimos ſines, solitariam sectans quandoque vitam, ne quod dono divino qüaeritur, conversatione humana perdatur. Nam Parmenides philosophus in rupe Aegyptiaca quindecim annis sedit, ut sapientiae naturalium rerum vacare Posset, ab hominibus sequestratus.
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