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4 (1860)
Entstehung
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gar einfältig und unerfahren, wie ein ſchuldloſes Lamm. Auch wird erzählt, wie ſie in Keuſch⸗

heit und Enthaltſamkeit ein Gott geweihtes Leben geführt habe und allen denen, die ihr gehor⸗ ſamen wollen, Mord und Raub und jegliche Gewaltthat verbiete. Dieſer und ähnlicher Urſachen wegen unterwerfen ſich die Länder, Gemeinden und Schlößer dem königlichen Sohne und geloben ihm Treue. Sie ermahnt auch die Menſchen zur Tugend und zu den Werken der Gerechtigkeit, durch die Gottes Preis verherrlicht wird. Sie ſucht keinen Gewinn und arbeitet mit ihrer ganzen Audacht für das Kleinod des Friedens. Hierzu aber hat ſie des böſen Geiſtes nicht noth, der ja der Vater der Zwietracht iſt. Geht aus den angeführten Worten einestheils hervor, daß man in Deutſchland über die Jungfrau im allgemeinen gut unterrichtet war, ſo zeigen andererſeits die Fragen, welche Heinrich von Gorckheim auf Grund ſeiner Schilderung erhebt: Ob man z. B. glauben ſolle, daß Johanna eine Jungfrau von wirklichem Fleiſch und Blut ſei, oder daß ſie nur einen Scheinleib angenommen habe(an credi debeat vera naturae humanae Puella, an in similem effigiem fantasticam transformata), was für wunderliche Vorſtellungen und abenteuerliche Erwartungen man von ihr im Auslande hegte. Den Beweis der Möglichkeit, daß Gott Frankreich durch ein ſchwaches Weib erretten wolle, führt Gorckheim aus der heiligen Schrift an dem Vorbild der Deborah, Esther und Judith; als Gegengründe aber ſtellt er das Scheren des Haares und das Anlegen männlicher Kleidung auf, was beides dem Worte Gottes widerſtreite. Wohl hätten ſich Esther und Judith Männern zu Gefallen, mit denen ſie zu thun gehabt, feſtlicher geſchmückt, ihren weib⸗ lichen Anzug aber haͤtten ſie keineswegs mit männlicher Tracht vertauſchtss.

Etwas ſpäter verfaßte ein Prieſter aus Landau in dem Bisthum Speier zwei Schriften, die eine im Juli, die andere im September 1429, unter dem Titel: Sibylla Francica. Wie er ſagt, iſt er zur Abfaßung beider Abhandlungen veranlaßt worden durch die vielen Fragen, welche der gemeine Mann an die Geiſtlichkeit richte, um ſich über die neue Prophetin Raths zu erholen. Er glaubt, daß Johanna wirklich eine sibylla d. h. Prophetin ſei, welche den Willen Gottes den Menſchen offenbare. Der Schwerpunkt ſeines Beweiſes liegt wie bei Gelu in dem chriſtlichen Leben der Jungfrau. Dennſie wird in Frankreich von allen als eine Bekennerin des katholiſchen Glaubens geprieſen und als wohlgegründet in der Ausübung ſeiner Gebräuche. Sie hat große Ehrfurcht vor den kirchlichen Sacramenten, führt ein lobenswür⸗ diges Leben, iſt gottergeben in ihren Worten und Entſchlüßen. Sie unternimmt jedes noch ſo ſchwierige Beginnen im Namen der heiligſten Dreieinigkeit, befeſtigt den Frieden, erleichtert der Armen Noth, liebt es, die Gerechtigkeit zu üben, und begehrt nicht nach der Eitelkeit der Welt, nicht nach ihrem Lobe und ihrem Reichthum.Sie iſt eine Tochter Gottes und denkt, was Gott wohlgefällig iſt, damit ſie keuſch fei in ihrem Geiſte und unbefleckt an Leib und Seele. Dies gottſelige Verhalten der Jungfrau bürgt dem Prieſter von Landau für die Echtheit ihres Prophetenthums unter dem Vorbehalt, daß die untrügliche Roͤmiſche Kirche an den Werken derſelben nichts zu tadeln finde. Wie im alten Bunde durch Deborah, Esther und Judith, ſo wirkt Gott auch in den chriſtlichen Zeiten Wunder und Offenbarungen durch das ſchwache Geſchlecht, damit die Gewalthaber der Erde ſich nicht auf Bogen und Schwert, ſondern auf die Macht Gottes verlaßen, und die Menſchen nicht durch den Schrecken vor ſeinen Strafgerichten, ſondern durch den Eifer ſeiner Liebe vom Böſen abgewandt und auf das Gute hingelenkt werden. Durch viele Prophetinnen, wie Brigitta, Hildegarde, Ludwigis, iſt den Ländern Friede, den Reichen Heil und Einigkeit geworden. Auch entſpricht es der göttlichen Ordnung, daß Frankreich, welches durch ein Weib zu Grunde gerichtet worden iſt (Königin Iſabella), durch eine demüthige und gottergebene Jungfrau errettet werde. In der Aufgeblaſenheit ſeines Stolzes hat fich Frankreich durch ſeine Macht und Waffen über alle Chriſtenreiche erhoben; wie ein Löwe, ſeine Nachbarn zur Ruhe geſchreckt, und wenn es brüllte, hat es die Länder überfallen und verheert; auf ſeine Weisheit und Schätze übermäßig ver⸗ trauend, hat es ſich zu den Sternen erhöht. Jetzt aber liegt es niedergeſtreckt, außer Stande, ſich durch eigne Kraft und die Stärke ſeiner Waffen emporzurichten. Auf daß es nun in