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von Gott geworden, daß jede Beſorgnis vor Teufels Trug und Heuchelei der Hölle unbegrün⸗ det iſt, bezeugt ihr vollkommen chriſtlicher, durch längere Erfahrung ſattſam erprobter Wan⸗ del, nach dem Worte des Herrn: An ihren Früchten ſollt ihr ſie erkennen.“*) Die männliche Bekleidung darf nicht als Gegenbeweis angeführt werden, denn aus dem Berufe, den Johanna von Gott empfangen hat, folgt die Mannstracht mit Nothwendigkeit. Ein Verkehr mit Män⸗ nern, wie er der Jungfrau geboten iſt, erfordert Anſtands halber die entſprechende äußere Erſcheinung. Übrigens lebt Johanna unter den Kriegern ehrbar, keuſch und ſittſam, thut nichts, was einem jungen Mädchen nicht geziemte. Am Schluße ſeiner Schrift ſpricht Gelu die ernſte Mahnung aus, an die göttliche Inſpiration der Jungfrau feſt zu glauben und in allen Dingen, welche über die gewöhnliche Einſicht der Menſchen hinausgehen und ſich nicht bloß auf die äußeren Mittel der Kriegführung beziehen, ihrem Rathe als dem Willen Gottes unbedingt zu folgen; denn es ſei zu hoffen, daß Gott, welcher des Königs Sache zu der ſeinigen gemacht habe, der Jungfrau ſolche Gedanken eingeben werde, durch welche das ange⸗ fangene Werk zum glücklichen Ende gedeiheo?.
In Deutſchland ſtellte ſchon im Juni 1429 der Vicekanzler der Univerſität Köln, Heiurich von Gorckheim, nach der damals üblichen ſcholaſtiſchen Weiſe Theſen für und wider die Jung⸗ frau auf. Ein ſicheres Urtheil zu fällen, getraut er ſich darum nicht, weil er ihre Lebens⸗ umſtände, ihre Sitten, Worte und Werke nicht aus unmittelbarer Erfahrung kenne; ſein Streben ſoll deshalb nur darauf gerichtet ſein, feinere Denker zu tieferer Forſchung anzuregen. Daß er ſich der günſtigen Anſicht zuneigt, ergibt ſich, abgeſehen von der überwiegenden Stärke der für Johanna beigebrachten Gründe, wohl ſchon aus der Einleitung, wo er die Worte Amos VII, 15: Der Herr nahm mich von der Herde und ſprach zu mir:„Gehe hin und weiſſage meinem Volke Israel“, auf Frankreich mit dem Zuſatze auwendet: Das Volk von Frankreich kann im geiſtlichen Sinne nicht unangemeßen das Volk Israel genannt werden, weil es ſich bekanntermaßen ſtets durch Glauben an Gott und Verehrung der chriſtlichen Religion ausgezeichnet hat. Durchaus vortheilhaft für Johanna und der Wahrheit getreu iſt auch die Schilderung, die er von Johannas Perſönlichkeit, ihrem ganzen Gehaben und Wirken entwirft.„Um ihre göttliche Sendung zu bewähren, bedient ſie ſich übernatürlicher Zeichen: Offenbarungen im Herzen verſchloßener Geheimniſſe und Vorherſagungen künftiger Dinge. Sie läßt das Haupt ſcheren wie ein Mann, und wenn ſie zu kriegeriſchen Verrichtungen gehen will, ſo ſteigt ſie zu Pferde, angethan mit männlichen Kleidern und Waffen. Sitzt ſie zu Roſſe, ihr Banner in der Hand, dann zeigt ſie ſich wunderbar geſchäftig und wie ein erfahre⸗ ner Feldher geſchickt, das Heer kunſtgerecht aufzuſtellen. Dann werden auch die Ihrigen muthig und furchtſam ihre Geguer, als ſei ihnen alle Kraft benommen. Steigt ſie aber vom Roſſe nieder und legt ihr gewohntes Frauenkleid an,“*) dann iſt ſie in allen weltlichen Geſchäften
*) ². III, 406: Jpsa enim sicut bona et fidelis christiana Deum colit, ipsum adorat, sollicite sacramenta ecclesiastica veneratur et frequentat confitendo saepe et corpus Domini devote recipiendo. Honesta est in verbis, honesta in conversatione, multiloquium in quo non deest peccatum, evitans; sobria in victu; in caeteris etiam gestibus suis nihil indecorum, nihil turpe, nihil quod non deceat verecundiam puellarem, ostentans, velut nobis relatum est. Nec unius diei sunt praedicta, ne ficta putentur, sed plurium mensium; in quibus satis apparuisse potuisset, si quid sinistri de ea dicendum esset. Et quanquam circa arma ver- setur, nec crudelitatem tamen unquam persuasit, sed omnium miseretur ad regem dominum suum confugientium, aut inimicorum recedere volentium. Non sitit humanum sanguinem; sed offert inimicis pacificum ad propria recessum, regno in quiete et pace dimisso, et rebel- libus ad domum suam regressum per obedientiam bonam, recepta a rege veniae indulgentia. Verum est tamen quod ea ad quae missa est, nititur complere, videlicet subjungare hostes et rebelles jugo colla submittere, quum, requisiti quod debitum ſaciant, denegaverint. Haec enim est via juris communis, omni rationi consona.
**) Dies der einzige unrichtige Zug in dem Bilde der Heldin.


