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Herr, und er ſollte billig nicht ſo lange gewartet haben, ſein Volk ihm zu ſchicken zu Dienſte zu helfenn.“
Auch die Nachbarſtaaten Frankreichs hallten wider von dem Thatenruhm des Mädchens von Domremy. Ihre Fürſten zogen theils durch eigens dazu Abgeſandte Erkundigungen über die Jungfrau ein, theils erhielten ſie amtliche Berichte vom Franzöſiſchen Hofe. Unter den Schriften, welche auf dieſe Weiſe entſtanden und bis auf den heutigen Tag erhalten ſind, verdienen vorzüglich zwei Briefe Beachtung, weil deren Verfaßer hohe Amter am Hofe Karls VII. bekleideten. Der eine iſt unmittelbar nach dem Loirefeldzuge am 21. Juni 1429 von Perceval von Boulainvilliers, Rath und Kämmerer des Königs auch Seneſchall von Berri, an den Herzog Philipp⸗Marie Visconti von Mailand geſchrieben; der andere rührt wahrſcheinlich von Karls VII. Geheimſchreiber, Alain Chartier, her und iſt gegen Ende des Juli für das herzog⸗ liche Haus von Savoyen abgefaßt worden. In zwiefacher Hinſicht ſind dieſe Briefe von Wichtigkeit. Erſtens beweiſen ſie die große Theilnahme, welche Europa den Thaten der Jungfrau ſchenkte, und zweitens ſpiegelt ſich in ihnen der Eindruck deutlich ab, welchen Johanna durch ihre Perſönlichkeit und ihre Thaten nicht minder am Hofe, wie in allen Schichten des Franzöſiſchen Volkes heroorgebracht hatte. Beiden Verfaßern ſind Johannas Thaten Wunder Gottes, die Jungfrau ſelbſt iſt ihnen ein Wunder. Percevals Darſtellung gewinnt namentlich dadurch ein eigenthümliches Intereſſe, daß ſie zeigt, wie geſchaͤftig die Phantaſie der Franzoſen war, auch die Geburt und das Leben der Jungfrau bis zu ihrem öffentlichen Auftreten mit wunder⸗ baren Zügen zu umkleiden.„In der Geburtsnacht des Herrn,*) wo die Völker der Werke Chriſti in größerer Wonne zu gedenken pflegen, iſt ſie eingetreten in das Licht der Sterblichen. Und wunderbar ward alles Volk deſſelben Ortes von einer überſchwenglichen Freude bewegt; unbekannt mit der Geburt der Jungfrau lief es hin und her und fragte, was neues geſchehen wäre. Etlichen ward das Herz von der neuen Freude ganz erſchüttert. Ja, was noch mehr, die Hähne, gleichſam als die Verkündiger der nenen Freude, ließen ſich mit ungewöhnlichem und ſonſt noch nie gehörtem Schrei vernehmen. Man ſah, wie ſie faſt zwei Stunden lang mit ihren Flügeln an den Leib ſchlagend das neue Ereignis weiſſagten. Das Kind wuchs heran, und da es ſieben Jahre zählte, ward ihm nach Sitte der Ackersleute das Hüten der Schafe von ſeinen Eltern aufgetragen. Dabei iſt ihm, wie man weiß, kein Schäflein verloren gegangen, kein einziges ward ihm von wilden Thieren gefreßen; und ſolange das Kind im Vaterhauſe war, beſchützte es alle Familienglieder mit ſolcher Sicherheit, daß auch nicht der Feind, der Barbaren Tücke oder Bosheit ihnen das Mindeſte anhaben konnte.“— Alain Chartier faßt ſeine Begeiſterung für Johanna in die Worte zuſammen:„Das iſt die Jungfrau, welche nicht von der Erde ſtammt, welche vom Himmel herniedergekommen ſcheint, um das ſinkende Frankreich mit ihren Schultern zu ſtützen..... O wunderbare Jungfran, alles Ruhmes, alles Lobes werth, werth göttlicher Ehren! Du Zier des Reichs, Du der Lilie Glanz, Du Leuchte, Du Ruhm nicht der Franzoſen allein, ſondern aller Chriſten. Möge Troja des Hector gedenken und ſein ſich freuen, möge Griechenland über Alexander frohlocken, über Hannibal Africa, Italien ſich des Cäſar und aller Römiſchen Feldherrn rühmen. Frankreich, zuwoßt von Alters her reich an Helden, wird fortan zu ſeinem Ruhme an dieſer einzigen Jungfrau genug haben und ſich an kriegeriſchen Ehren den übrigen Völkern gleichſetzen, oder vielmehr über ſie ſtellen dürfen¹⁵. 6
Schwerer als den Laien wurde es den Theologen an die Göttlichkeit der Miſſion Johannas zu glauben. Ziemt es der göttlichen Weisheit, einem Weibe die Verrichtung ſolcher Thaten anzuvertrauen, welche nur Männern zukommen? Kann ein Weib, das im Widerſpruch mit dem Geſetze Gottes Mannskleider trägt, eine Gottgeſandte ſein? Läßt ſich überhanpt und wie läßt ſich unterſcheiden, ob Thaten in Gottes Kraft oder mit Teufels Kunſt vollbracht
*) In nocte Epiphaniarum Domini. Der 6. Januar, das alte Geburtsfeſt Chriſti, war ein großes Volksfeſt in Frankreich. 8 25


