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Erfüllung von Bethfords nothgedrungenen Forderungen. Inſtändiger erneuerte dieſer nach dem Schlage von Patay ſeine Vorſtellungen. Der Rath des Königs erkannte die Dringlichkeit der Sache, aber es ſtand ihm in dieſem Augenblickekein Heer zu Gebote. Es gab nur ein Heer in London, das Kreuzheer von 750 Reitern und 2000 Bogenſchützen, welches der Cardinal auf Verlangen des Pabſtes gegen die Huſſiten in Böhmen geworben hatte. Auf dieſes richtete der Rath ſein Augenmerk und bewog den Cardinal durch eine Summe Geldes, daſſelbe dem Herzog von Bethford zuzuführen. Am 1. Juli wurde der Vertrag abgeſchloßen, aber es bedurfte einer wiederholten ſchriftlichen Mahnung, welche Bethford am Tage der Abreiſe Philipps von Burgund durch den Wappenkönig nach London ſandte, um den Cardinal zu ſchleuniger Abfahrt zu bewegen?s. Sorgfältig muſte man den Kriegern das Ziel ihrer Be⸗ ſtimmung verbergen, um ſie bei den Fahnen zu erhalten, und nicht eher erfuhren ſie die geheime Abſicht der Regierung, bis das Meer ſie vom Vaterlande trennte. Denn der Schrecken war auch über das Meer gedrungen und nicht allein in Frankreich, auch im Mutterlande glaubte jeder Engländer, daß die Jungfrau mit den Mächten der Hölle im Bunde ſtehe und deshalb durch menſchliche Kraft nicht zu überwältigen ſei, ein Wahnglaube welcher durch ſeine entſittlichende Troſtloſigkeit alle Thatkraft der Maſſen zerſtörte. Nur wenige der Feldherrn waren ſtark genug, ſich um ſo feſter an den einzigen Hort anzuklammern, der über Teufel und Hölle Gewalt hat, und wie Talbot im Vertrauen auf Gottes Schutz dem Feinde die Spitze zu bieten. Aber auch dies Vertrauen muſte um ſo gewiſſer erlahmen, je raſcher und ſchwerer die Schläge auf England niederfielen; ſchreibt doch Bethford ſchon die Niederlage von Orleans nicht ſowohl Johannas Zauberkünſten, als einem Gerichte der Verblendung zu, welches Gott über die Krieger verhängt habe.
Im Gegenſatz zu den Engländern glaubte das Volk und Heer der Franzoſen mit jedem Tage zuverſichtlicher, daß Johanna ihre Thatenwunder durch Gottes Kraft verrichte und deshalb durch keine irdiſche Macht zu beſiegen ſei.*) Dieſer Glaube, welcher einen ſittlichen Einfluß von unberechenbarer Stärke ausübte, muſte ſich nothwendig zu der Überzeugung fortbilden, daß Widerſtand gegen die Jungfrau Widerſtreben gegen Gott ſei und die Strafen Gottes auf die Widerſpenſtigen herabziehe. Und in dieſer Geſtalt blieb er nicht bloß auf die koͤniglichen Lande beſchränkt, wo er die Treue befeſtigte und die Aufopferungsfähigkeit mehrte, ſondern er brach ſich auch bereits Bahn in den mit den Engländern verbündeten Provinzen. Die Bewohner der Bretagne, deren Herzog auf Seiten der Feinde ſtand, wurden durch Johannas Siege, in welchen auch ſie Gottes Thaten erkannten, dermaßen aufgeregt, daß ſie von der Fortdauer des Bündniſſes das Verderben des ganzen Landes befürchteten. Wundererſcheinungen wollte man in der Luft beobachtet haben, bewaffnete Reiter von Feuerflammen umgeben, welche von Poitou nach der Bretagne hinzogen. Jedermann deutete dieſelben auf Züchtigungen vom Himmel durch ſchwere Kriegsdrangſale. Der Herzog, durch Krankheit gebeugt und bange vor größeren Heimſuchungen, ſchickte der Jungfrau durch ſeinen Wappenherold mehrere koſtbare Pferde und einen Degen zum Geſchenk, wünſchte ihr Glück zu dem erfochtenen Siege und ließ, wie Eber⸗ hard von Windecken erzählt, durch ſeinen Beichtvater die Frage an ſie richten:„Ob ſie von Gotteswegen wäre darkommen, dem König zu helfen?“ da ſprach die Magd:„Jau. Da ſprach der Beichtvater:„Dieweil es denn alſo iſt, ſo ſoll mein Herr der Herzog gern kommen, dem Köͤnig zu Dienſt zu helfen, und nannte den Herzogen ſeinen rechten Herrn. Aber mit eignem Leibe mag er nicht kommen, denn er iſt in einem großen Siechthume; doch ſoll er ihm ſeinen älteſten Sohn ſenden mit großer Macht. Da ſprach die Magd zu dem Beichtvater:„Der Herzog von Britannien wäre nicht ſein rechter Herr, denn der König wäre ſein rechter
*) Der Glanbe der Franzoſen bildete die Kehrſeite von dem Glauben der Engländer.»Einverſtan⸗ den waren Franzoſen und Engländer, daß eine übernatürliche Kraft in derjenigen wirke, von welcher dieſe Umwandlung der Gemüther ausging, nur daß die dem Königshauſe Getreuen ſie von Gott, die Engländer ſie vom Teufel ableiteten.“. 1 2.


