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Anhängernso. Falſtolf, welcher in der Nacht nach Etampes und am Morgen(19. Juni) nach Corbeil geflohen war, brachte dem Herzog von Bethford, welcher in letzterem Orte mit Spannung auf Nachrichten harrte, perſönlich die Trauerbotſchaft. In der erſten Aufwallung des Zornes machte ihm der Herzog die kränkendſten Vorwürfe und ließ ihm ſogar durch ein Kriegsgericht den Kniebandorden abnehmen. Nachmals jedoch, als die Leidenſchaft ſich mehr gekühlt hatte, fanden Falſtolfs Vertheidigungsgründe eine gerechtere Würdigung, und er erhielt, gleichfalls durch kriegsgerichtlichen Ausſpruch, ſeinen Orden zurück. Nur Talbot verzieh ihm nichto. Bethford eilte nach Paris. Schon die am 15. Juni daſelbſt eingetroffene Kunde von der Eroberung Jargeaus hatte die Bürger, welche damals gröſtentheils mit Leib und Seele den Engländern ergeben waren, dergeſtalt in Aufruhr gebracht, daß ſie alles Ernſtes befürchteten, die Armagnaken würden in der Nacht die Stadt heimſuchen. Als nun gar am 21. Juni ſich die entſetzliche Neuigkeit von der Vernichtung des Engliſchen Heeres bei Patay verbreitete, zweifelte niemand mehr daran, daß der kleine König von Bourges, wie man weiland Karl VII. ſpottweiſe genannt hatte, allernächſt vor den Thoren von Paris erſcheinen würde. Deshalb wurde die Stadtmauer eiligſt in Vertheidigungsſtand geſetzt und einezuverläßigere Stadtobrigkeit ernannt. Verſtärkte Wachen durchzogen Paris bei Tag und Nacht. Die Herrn des königlich Engliſchen Rathes weinten heiße Thränen über das ungeheure Misgeſchick und trafen mit dem Herzog von Bethford Anſtalten, um ſo ſchleunig als moͤglich Hülfstruppen aus England und von dem noch immer grollenden Burgunderherzog zu erhalten. Bethford ſchickte in ſeinem und der Pariſer Namen eine feierliche Geſandtſchaft an letzteren ab und lud ihn dringend zu einer Beſprechung in Paris ein. Philipp kam mit 700 bis 800 Kriegern am 10. Juli an. Große Berathungen wurden gehalten, die alten Bündniſſe von den Herzögen erneuert. Um den Haß der Pariſer gegen ihren rechtmäßigen Herrn von neuem anzufachen, veranſtalteten beide Herzöge eine große Feierlichkeit. Sie ließen am 14. Juli durch einen der Engliſch⸗Bur⸗ gundiſchen Partei leidenſchaftlich ergebenen Prieſter eine flammende Predigt in der Liebfrauen⸗ kirche halten vor den Mitgliedern des Parlamentes und der Univerſität, den höchſten Würden⸗ trägern der Kirche und der Krone ſowie den vornehmſten Bürgern der Hauptſtadt und zogen darauf in feierlicher Proceſſion mit denſelben in den Palaſt. Hier wurde den Verſammelten zuerſt der Friedensvertrag zwiſchen Karl VII. und dem Herzog Johann von Burgund, ſodann die Geſchichte der verrätheriſchen Ermordung des letzteren auf der Brücke von Montereau vorgeleſen. Darauf trat Herzog Philipp, Johanns Sohn, klagend gegen Karl VII. auf wegen des Mordes und Friedensbruches. Alle Anweſenden erhoben die Hände und gelobten, dem Regenten und dem Burgunderherzog treu und hold ſein zu wollen, dieſe gaben dagegen ihr Wort, die gute Stadt Paris mit vereinten Kräften zu ſchützen. Am folgenden Morgen (15. Juli) reiſte Philipp wieder ab, begleitet von ſeiner Schweſter, der Herzogin von Bethford, welche großen Einfluß auf ihn hatte?t.— Auch nach England wandte ſich der Herzog von Bethford und bat den königlichen Rath um Unterſtützung. Schon vor Beginn des Loirefeld⸗ zuges hatte er in gleicher Abſicht Briefe auf Briefe nach London geſchickt. In einem derſelben ſpricht er ſich über ſeine Lage und die Jungfrau folgendermaßen aus:„Alles ſtand hier gut für Euch bis zur Zeit der Belagerung von Orleans, die Gott weiß auf weſſen Rath unter⸗ nommen ward. Seit das Schickſal meinen Vetter von Salisbury ereilte, dem Gott gnädig ſein wolle, hat ein furchtbares Unglück, wie es ſcheint, von Gottes Hand, Eure Leute vor Orleans betroffen, und daszwar gröſtentheils, wie ich denke, infolge einer Verſtrickung in irrigen Glauben und thoͤrichte Furcht, die ſie gehegt haben vor einem Lehrling und Hetzhunde des böſen Feindes, die Jungfrau genannt, welche ſich verbotener Beſchwörungen und Zauberkünſte bediente. Dieſer Unfall und dieſe Niederlage haben nicht allein die Zahl Eurer Leute ſehr vermindert, ſondern auch den Muth der übrigen erſtaunlich gebeugt, Eure Gegner und Feinde aber ermuthigt, ſich unverzüglich in großer Anzahl zu verſammelnoz.“ Die Zwietracht und Eiferſucht zwiſchen dem Herzog von Gloceſter und ſeinem Oheim, dem Cardinal von Wincheſter, welche die ganze Engliſche Staatsmaſchine in's Stocken brachte, verhinderte die


