Druckschrift 
4 (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Nicht wahr, ſagte der Herzog zu Talbot, heute Morgen dachtet Ihr nicht daran, daß es Euch ſo ergehen würde?Das iſt das Geſchick des Krieges, antwortete gefaßt der eiſerne Held.*) Dies war die berühmte Schlacht bei Patay, die erſte, in welcher die Franzoſen ſeit acht Jahren auf offenem Felde über die Engländer den Sieg davontrugen.**) Die Eng⸗ länder haben ſie den Tag bei Patay, die Franzoſen bisweilen die Jagd dei Patay genannt. Sie brachte die Befreiung der ganzen Orléanais zum Abſchluß und ſetzte inſofern Johannas bisherigen Thaten die Krone auf; denn ſämmtliche Feſten der Beauce, welche annoch in Fein⸗ des Gewalt geweſen waren, wie Yenville, La Ferté⸗Hubert, Montpipeau, Saint Sigismond, kehrten infolge dieſer Schlacht unter die Herrſchaft ihres rechtmäßigen Königs zurückst. Ver⸗ nichtet war bis auf einige haltloſe Bruchtheile die furchtbare Armee, welche einſt Graf Salis⸗ bury, um Frankreichs Unterjochung zu vollenden, aus England herübergeführt hatte, ihre Be⸗ fehlshaber waren theils todt theils gefangen. England hatte kein Heer mehr in Frantreich Und an welchem Felſen iſt dieſe Rieſenmacht zerſchellt, welche Frankreich in ihren Eiſenarmen zu zermalmen drohte? An der Glaubenskraft eines ſiebzehnjährigen Bauernmädchens,deſſen Arme Gott der Herr zum Kämpfen und ſeine Finger zum Halten des Schwertes eingerichtet hatte. Denn darin ſind Freund und Feind vom oberſten General bis zum geringſten Sol⸗ daten einverſtanden, daß wie in Orleans, ſo während des Loirefeldzuges Johanna die alles beſtimmende und beherrſchende Seele, daß ſie Frankreichs Schutzgeiſt geweſen iſt in Rath und Thatss. Wer hat mit Bitten und Flehen den Feldzug zu Stande gebracht? Wer die Zagenden durch gottbegeiſterten Zuſpruch zum Abmarſch nach Jargeau vermocht? Wer hielt die durch Falſtolfs Ankunft in Yenville Erſchreckten bei der Belagerung feſt? Wer war es, der den rechten Augenblick zum Sturm auf die Feſte wahrnahm? Wer hat denſelben, von Gottes Hand ſichtbar beſchützt, zum raſchen Ende gebracht? Nach kurzer Ruh in Orleans wie trieb ſie von That zu That! Wie überfiel ſie gleich einem Sturmeswetter die Brücke von Meun, zwang Baugenci zur Übergabe! Aber mitten in dieſem Thatendrange mit welcher Kaltblütig⸗ keit wies ſie die höhniſche Herausforderung der Engländer vor Baugenci zurück, um ſchon Tags darauf mehr noch durch die Gewalt ihres Wortes und den Schrecken ihrer Perſon, als durch des Schwertes Schäͤrfe die ganze Feindesmacht zu zertrümmern! Und war ſie es nicht, welche in höchſtens zehn Tagen die Loirefeſtungen zu erobern verheißen hattess? Gerade in acht Tagen war das Werk ausgeführt, und obendrein den Engländern die groͤſte Niederlage beigebracht, die ſie ſeit geraumer Zeit in Frankreich erlitten hatteuss. In Wahrheit, man weiß nicht, ſoll man an der Jungfrau mehr die blitzartige Schnelligkeit oder die beſonnene Zurück⸗ haltung bewundern, mehr über den Scharfblick des Genies ſene womit ſie die Gedanken des Feindes durchſchaute, oder die weiſe Umſicht rühmen, welche aus ihren Rathſchlüßen hervorleuchtet. Hat ſie mehr durch die Unerſchrockenheit ihres Gottesmuthes gewirkt oder durch die Feinheit und Sicherheit ihrer Beurtheilungskraft, welche für jeden Zweck das entſprechende Mittel, im entſcheidenden Augenblick den richtigen Treffer in Bereitſchaft hatte? Was die Hel⸗ din außerdem auf's deutlichſte auch in dieſem Feldzug bewährte, iſt ihre Geſchicklichkeit in der Aufſtellung und Anführung der Heere, ihre Gewandtheit im Gebrauche der Waffen und insbe⸗ ſondere ihre Gabe, die Artillerie zu ordnen und zu verwenden. Die gediegenſten Kennerheben mit dem Nachdruck feſtbegründeter Überzeugung Johannas Kriegergaben und Feldherrntalente hervorss. In demſelben Grade, wie dieſe Ereigniſſe die Zuverſicht der Franzoſen auf völlige Her⸗ ſtellung des Reiches kräftigten, erfaßte Furcht und Beſtürzung die Engländer ſammt ihren

*) Saintrailles ließ ihn nach Baugenci abführen mit allen ſeinem Range gebührenden Rückſichten. Nach einigen Tagen ſtellte er ihn dem Könige in Chateauncuf oder Gien vor und erbat ſich von letzterem die Erlaubnis, den tapferen Degen ohne Löſegeld ſofort in Freiheit ſetzen zu dürfen. Karl gewährte die Bitte. Talbot bekam ſpäter den edlen Saintrailles in Gefangenſchaft und vergalt ihm ritterlich Gleiches mit Gleichem..

**) Die Schlacht bei Beaujé wurde am 22. März 1421 geliefert. 2