8
in athemloſem Lauf in der Richtung von Yenville fort. Racheſchnaubend ſtürzten ihnen die Feinde nach, und mancher wurde unterwegs ein Raub des Todes oder der Gefangenſchaft. Wer Yenville wirklich erreichte, fand die Thore verſchloßen und die Bewohner auf den Mauern bereit, jeden Engländer mit bewaffneter Hand zurückzuwerfen. Im ganzen verloren die Eng⸗ länder an dieſem ſchrecklichen Tage zwiſchen 2000 und 3000 Mann an Todten und Gefangenen. Die meiſten hatte das Schwert dahingerafft, die Zahl der Gefangenen überſtieg nicht 200. Unter den letzteren befanden ſich außer Talbot: Thomas von Scales, Thomas von Rameſton, Walther von Hungerford, Heinrich Braunche und viele andere Hauptleute. Der Verluſt der Franzoſen war, wie Johanna vorausgeſagt hatte, kaum der Rede werth. Nur ein einziger Edelmann ſoll geblieben ſein. Und doch war die Stärke der beiden Armeen beinahe gleich, wie Clemens von Fauquemberque, der damalige Secretair des Pariſer Parlamentes ausdrück⸗ lich bezeugt, und die Verſchmelzung der unter Falſtolf von Paris geſandten Hülfsarmee mit den Beſatzungen vou Yenville, Baugenci, La Ferté-Hubert, Meun u. ſ. w. zur Wahrſcheinlichkeit macht. Aber nicht dieſer Umſtand iſt Frankreichs Ruhm. Der Geiſt iſt's, welcher die Schlach⸗ ten gewinnt, der Geiſt des Glaubens und des Gottvertrauens, weil er allein die Kraft und das Leben iſt. Dieſer Geiſt, der aus Johannas Seele in die Herzen ihrer Krieger floß, war ſeinem eigenſten Weſen nach die Macht ihrer Stärke, und ward es dadurch täglich mehr, daß er das göttliche Einheitsband um das ganze Franzoſenheer ſchlang. Wie erſcheint dagegen das Engliſche Heerlager! Der Glaube an Englands Glück war an der Gewalt der Thatſachen zerbrochen. Das Unglück hatte— wie ſo oft— das Zerwürfnis, den Zwieſpalt der Gedanken und Beſtrebungen unter die Feldherrn gebracht. Die Meinungsverſchiedenheit zwiſchen Falſtolf und Talbot, welche ſpaltend die ganze Armee durchdrang, beraubte die Gemüther des inneren Zuſammenhalts, ohne welchen jede äußerliche Vereinigung ein Widerſpruch in ſich ſelber iſt. Mit dem Schwinden des Glaubens an das Glück Englands trat bei den Heerführern das übermäßige Suchen nach materiellen Stützpunkten hervor, und die Klügelei übertriebener Vor⸗ ſicht, welche durch den Erfolg faſt immer Lügen geſtraft wird, drängte ſich bei allen ihren Maßnahmen in den Vordergrund, wie dies auf ähnliche Weiſe vor Johannas Ankunft im Franzöſiſchen Heerlager der Fall geweſen war. So ſchmachvoll hätte der Tag bei Patay ſchwerlich für die Engliſchen Waffen geendet, wären die Feldherrn, ſtatt nach einem vortheil⸗ hafteren Kampfplatz ſich umzuſehen, auf der Stelle ſtehen geblieben, welche ſie beim Anblick der an⸗ rückenden Franzoſenmacht einnahmen. Dann hätte ſich die Armee, im Rücken hinlänglich ge⸗ ſchützt, mit ihren Spitzpfählen dicht umſchanzen und hinter denſelben den Anprall der feindlichen Maſſen getroſt erwarten können. Talbot, welcher durch ſeinen Einfluß die verderblichen Maß⸗ regeln der Befehlshaber hauptſächlich veranlaßte, war an dieſem Tage unſtreitig der böſe Genius Englands.
Nach zwei Uhr Nachmittags war die Niederlage entſchieden. Auf dem Schlachtfelde ſelbſt empfingen mehrere Franzöſiſche Krieger zum Lohne ihrer Tapferkeit den Ritterſchlag, unter an⸗ dern Jacob von Mailly oder Milly, Aegidius von Saint-Simon, Ludwig von Marcognet, Johann von La Haye Baron von Coulonces. So froh die Jungfrau ihres Sieges war, ſo
ſchmerzlich traf der Anblick des ungeheuren Blutbades ihr mitleidvolles Herz. Sie that, was
ſie konnte, um den Ausbrüchen roher Grauſamkeit zu ſteuern, welche ſich ihre Leute mehrfach zu Schulden kommen ließen. Ein Franzöſiſcher Soldat, welcher mehrere Gefangene gemacht hatte, ſchlug einem derſelben ſo gewaltig an den Kopf, daß er für todt zur Erde fiel. Jo⸗ Pan⸗ welche dazu kam, ſprang ſogleich vom Pferde, ſprach dem Gefallenen Troſt ein, indem ie ihm den Kopf emporhielt, und ließ ihm die Beichte abnehmen. Ein Sturm in der Schlacht, ein Bild der Barmherzigkeit nach dem Siege! Noch auf dem Schlachtfelde verſam⸗ melte ſie die Hauptleute und dankte mit ihnen in demüthiger Andacht dem Herrn für den herrlichen Sieg. Darauf zog ſie nach Patay, wo ſich allmählich das ganze Heer zuſammen⸗ fand und theils in dem Dorfe ſelbſt, theils in der Umgegend übernachtete. Hier empfing die Jungfrau in Gegenwart des Connetable und des Herzogs von Alencon den gefangenen Talbot.


