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öſtlicher Richtung dem Gehölze von Patay zu, gerade auf die Engländer los. Die Nähe des Feindes nicht ahnend, erhoben die Soldaten ein laut ſchallendes Geſchrei. Daraus erkannten die Franzöſiſchen Reiter, daß ſie den Engländern dicht auf den Ferſen waren, und es währte nicht lange, ſo ſahen ſie die feindlichen Maſſen deutlich vor Augen. Flugs theilten ſie durch einige ihrer Gefährten der Vorhut und dem Hauptheere ihre Entdeckung mit und forderten beide auf, ſich zum Kampfe gefaßt zu machen. La Hire und Theobald von Termes brachten perſönlich die Nachricht der Jungfran.„Sie werden nicht lange da ſtehen, verſetzte Johanna, haut nur muthig drein, ſo werden ſie die Flucht ergreifen. Von unſern Leuten werden keine oder nur wenige getödtet werden, wir werden keinen Schaden nehmen.“ Daranf befahl ſie ihren Kriegern, ſich zum Angriff in gehörige Bereitſchaft zu ſetzen und führte dieſelben ſo ge⸗ ſchwind vorwärts, daß ſie kurz nachher die Engliſchen Scharen beobachten konnten. Der Nach⸗ zug der letzteren hatte unterdeſſen, weil er die Feinde ſo hitzig vorrücken ſah, die gröſten An⸗ ſtrengungen gemacht, um ſich mit der Hauptmacht jenſeit des Engpaſſes zu verbinden. Dies Ziel war glͤcklich erreicht, nicht gelöſt aber war die wichtigere Aufgabe der Vereinigung beider Truppenkörper mit der Vorhut, als die Franzöſiſche Avantgarde gleich einem Blitzeswetter vor den Engpaſs angeſprengt kam, welchen Talbot mit ſeinen Bogenſchüͤten beſetzt hielt. Das Schickſal des Tages ſchien nunmehr an der Frage zu hangen, ob Talbot im Stande ſein werde, ſich gegen die Übermacht ſo lange zu behaupten, daß die übrigen Heerestheilt eine befeſtigte Stellung auf dem Walplatz nehmen konnten. Zum Unglück hatten Talbots Krieger noch nicht Muße gehabt, den Zugang des Hohhwege mit ihren Spitzpfählen zu verrammen. Um ſo mehr ihat Eile noth. Falſtolf gebot deshalb den Fußtruppen im Sturmſchritt, der Reiterei im Galopp nach der Vorhut aufzubrechen. Dieſe Maßregel fiel zum Verderben aus.
Die Vorhut nämlich gerieth als ſie die Truppen in ſolcher Haſt herankommen ſah, in die
äußerſte Beſtürzung und verließ, von dem Wahne bethört, es ſei alles verloren, ihren Standort in wilder Flucht. Dieſes Unheil in dieſem entſcheidenden Augenblick ſchlug den Muth auch der Tapferſten darnieder, jeder Stern der Hoffnung ſchien mit einem Male erloſchen. Die Rathloſigkeit der Verzweiflung bemächtigte ſich ſogar der Kriegsoberſten, ſelbſt Falſtolf dachte nicht mehr an Sieg. Gleichwohl waren die eindringlichſten Vorſtellungen ſeiner Umgebung nicht vermögend, ihn zur Flucht zu bewegen; er faßte vielmehr den Entſchluß, Talbot in ſeiner Bedrängnis zu Hülfe zu eilen, indem er erklärte, lieber wolle er todt ſein und gefangen, als ſchimpflich entfliehen. In der Zwiſchenzeit hatte ſich die Avantgarde der Franzoſen, der feurige La Hire an ihrer Spitze, mit unaufhaltſamer Wuth in den Hohlweg geworfen, und ehe noch Falſtolf ſeinen Plan ausführen, ehe ſeine Scharen ſich zum Kampfe vollſtändig ordnen, ge⸗ ſchweige denn in gewohnter Weiſe verſchanzen konnten, war Talbot trotz der heldenmüthigſten Gegenwehr durch Saintrailles Leute vom Pferde gerißen und gefangen, das Elitekorps ſeiner Bogenſchützen bis auf den letzten Mann zuſammengehauen. In dieſem Augenblick traf Johanna mit dem Kerne der Armee auf dem Kampfplatze ein, und mit der Flammenglut der Sieges⸗ begeiſterung ſtürmte das vereinigte Franzoſenheer durch den Engpaſs auf Falſtolfs Krieger los, um den Streich der Vernichtung gegen ſie zu führen. Was nun geſchah verdient nicht eigent⸗
lich den Namen einer Schlacht, denn zur Widerſtandsfähigkeit fehlte den halb geordneten
Maſſen der Engländer nicht viel weniger, als alles. Im Nu waren die vorderſten Reihen der Engländer auseinandergeſprengt, und es begann ein ſchauderhaftes Gemetzel, ſo daß die Walſtatt bald mit Haufen von Erſchlagenen bedeckt lag. Der Augenzeuge Johann von Wavrin, welcher ſich in e ſan Umgebung befand, Phicch ſein Entſetzen in den Worten aus: Es ſtand den Franzoſen frei, unſere Leute nach Gutdünken entweder gefangen zu nehmen, oder niederzuſtoßen. Jetzt erſt, wie derſelbe Wavrin verſichert, gab Falſtolf dem Rathe ſeiner Ver⸗ trauten Gehör und verließ nebſt dem Baſtard von Thiant und 700 bis 800 Reitern das Schlachtfeld in herzzerreißender Traurigkeit. Damit war die Auflöſung des Engliſchen Heeres, welches in Falſtolf ſemnei letzten Hort verlor, vollends entſchieden. Heil war allein in der Flucht
zu ſuchen. Einige barg der Wald von Patay vor dem Schwerte der Sieger, andere rannten


