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anzulegen. Auf dieſe Bedingungen erfolgte am Sonnabend Morgen(18. Juni) die Ubergabe, wedden die Franzoſen Burg und Brücke mit einer Beſatzung verſahen und die Engländer unter dem Schutze des Ambroſius von Loré die Stadt verließen, um ſich in Meun mit ihren Landsleuten zu verbinden:. An letztere ſchickten ſie einen Abgeordneten mit der Botſchaft voraus, daß Brücke und Burg von Baugenci in Feindes Hand, und dieſer im Begriff ſei, in's Feld zu rücken. Der Abgeſandte traf in dem Augenblicke in Meun ein, wo die Engländer ſich anſchickten, ſtürmend gegen die Brücke vorzugehen. Angeſichts der drohenden Gefahr ſtan⸗ den die Engliſchen Feldherrn ohne weiteres von dieſem Vorhaben ab, zogen ihre geſammte Streitmacht aus der Stadt und ſtellten ſie vor den Thoren in Schlachtordnung, Meun der Franzöſiſchen Brückenbeſatzung preisgebendseo. Etwa eine Stunde war ſeit Entfernung der Engländer von Baugenci verſtrichensi, als einer von La Hires Leuten den Franzöͤſiſchen Ge⸗ neralen die Meldung machte, die Feinde wären von Meun im Anzuge, bald würden ſie vor Baugenci ſein, ihre Vorhut betrüge an tauſend Mann.„Ha! ſchöner Connetable, wandte ſich Johanna zu dem Grafen, Ihr ſeid nicht auf meine Veranlaßung gekommen, aber weil ihr ge⸗ kommen ſeid, ſo ſeid willkommen“s2. Sogleich wurde eine Schar leichter Reiter abge⸗ ſchickt, um genauere Kundſchaft einzuholen, und das ganze Heer vor Baugenci in Schlacht⸗ bereitſchaft geſtellt.„Was ſoll ich nun thun?“ fragte Alençon die Jungfrau.„Ihr habt, denk ich, gute Sporen,“ antwortete Johanna mit lauter Stimme.„Was ſagt Ihr, riefen die Umſtehenden, wir ſollen den Rücken wenden?“„Nein erwiderte Johanna, die Engländer ſind es, die ſich nicht vertheidigen, ſondern unterliegen werden, und Ihr werdet die Sporen brau⸗ chen, um ihnen nachzujagen.“ Nach einiger Zeit kehrten die Reiter zurück und berichteten, ſie hätten die Engländer nahe bei Meun in der Richtung nach Nenville abmarſchieren ſehen. Die Sache hatte ihre Richtigkeit. Die Engliſche Armee, durch die Beſatzungen von Meun und Baugenci anſehnlich verſtärkt, war in beſter Ordnung von Meun aufgebrochen: zwiſchen dem Vortrab und dem Hauptkorps die Artillerie und Bagage, zuletzt die Nachhut, welche man der Vorſicht halber aus lauter geborenen Engländern gebildet hatte. Jetzt war ſeitens der Franzoſen zu erwägen, ob man den Feind verfolgen oder ungehindert entkommen laßen wollte. Unter den Franzöſiſchen Kriegern fehlte es vielen, denen die blutigen Niederlagen von Azincourt, Verneuil, Rouvray lebhaft im Gedächtnis ſtanden, noch immer an Muth und Entſchloßenheit, den Engländern in offener Feldſchlacht zu begegnen; froh der erhaltenen Nachricht, machten ſie theils gradezu Anſtalt, nach Baugenci zurückzugehen, theils erſannen ſie allerhand Vorwände, um ihren Widerwillen zu beſchönigen. Wo ſollen wir die Feinde finden? Es wäre gut, man ſchaffte Pferde herbei! Dieſe und ähnliche Ausflüchte brachten ſie vor.„Im Namen Gottes, döferle die Heldin, wir müßen ſie bekämpfen. Wären ſie gleich in den Wolken aufgehängt, wir werden ſie erreichen, denn Gott ſchickt ſie uns, auf daß wir ſie züchtigen. Der 1 König wird heute den gröſten Sieg haben, der ihm ſeit lange geworden iſt. Mein Rath hat mir geſagt, daß ſie alle unſer ſind. In Gottes Namen alſo muthig vorwärts, wir werden gutes Geleit haben.“ Solcher Gottesmuth entflammte ſelbſt die verzagten Gemüther. Der Beſchluß ward gefaßt, dem Feinde in der von den Kundſchaftern bezeichneten Richtung nachzuſetzen, und ihm eine Schlacht zu liefern, wann und wo man ihn finden würdess. Gegen acht Uhr Morgens wurde das Franzöſiſche Heer zur Verfolgung der Engländer geordnet. So groß auch Johan⸗ nas Siegeszuverſicht war, ſo ließ ſie es bei der Aufſtellung doch keineswegs an weiſer Vor⸗ ſicht mangeln. Nicht in eine Geſammtmaſſe vereinigte ſie ihre Truppen, ſondern wählte aus den beſten Rittern eine ſtarke Vorhut von 1400 dis 1500 Mann, deren Führung ſie dem kühnen La Hire und deſſen Bruder Amador, dem unermüdlichen Saintrailles, Ambroſius von Loré, Theobald von Termes, Gerhard von La Paglire, Stevenot, Penenſac, den Herrn von Beaumanoir und von Tillay übertrug. Anfangs hatte Johanna die Abſicht, ſich ſelbſt dieſer wackern Reiterſchar beizugeſellen, nach längerem Zureden gab ſie jedoch, obwohl hoͤchſt ungern, ihren Vorſatz auf. 60 bis 80 der beſtberittenen und erfahrenſten Ritter bildeten die Spitze des Vortrabs, und hatten als beſonderes Streifkorps vorzugsweiſe die Aufgabe, die Spur der


