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und die niederſchlagenden Eindrücke der jüngſten Ereigniſſe ſich einigermaßen abgeſtumpft hätten. Seine Anſicht ſtieß auf gewaltigen Widerſpruch bei den andern Heerführern. Beſonders erhob ſich Talbot, der allgemein für den tapferſten und dnſichtsvolhten Feldherrn Englands galt, mit Entrüſtung dagegen. Mit Hulfe Gottes und des heiligen Georg, ſprach er, werde ich die Feinde angreifen, ſollte auch niemand mit mir gehen, als meine Leute und wer ſonſt aus freien Stücken mir folgen will. Und ſo ſtark war das Gewicht ſeines perſönlichen Einflußes, daß Falſtolf den Oberſten und Hauptleuten Befehl ertheilte, alles zum Feldzug auf den folgen⸗ den Tag in Bereitſchaft zu ſetzen. Am Morgen deſſelben(17. Juni) lam der Abgeſandte von Baugenci bei Talbot an und wurde von letzterem mit der Zuſicherung ſchleuniger Huülfe zurück⸗ geſchickt. Kurz nachher ſtand die Engliſche Armee marſchfertig vor den Thoren vor Nenville. Nochmals bot Falſtolf alle ſeine Beredtſamkeit auf, um das Unternehmen rückgängig zu machen, indem er den Anführern vor Augen ſtellte, daß wenn das Glück ihnen ungünſtig ſein ſollte, Heinrichs V. ſämmtliche Eroberungen in Frankreich auf dem Spiele ſtehen würden. Umſonſt, er ſah ſich genöthigt, dem allgemeinen Verlangen nachzugeben und nach der Loire aufzubrechen. Nachmittags traf das Engliſche Heer nahe bei Baugenci ein. Von der Ankunft des Feindes frühzeitig genug durch Kundſchafter benachrichtigt, eilte Johanna, einer Abtheilung ihrer Trup⸗ en die Fortſetzung der Belagerung überlaßend, mit der Hauptarmee unter Alenkon, Dundis, a Hire, Saintrailles, La Fayette, ſofort aus der Stadt und ſtellte dieſelbe auf einer kleinen Anhoͤhe in Schlachtordnung. Sobald die Engländer des Feindes anſichtig wurden, rammten ſie vor ihrer ganzen Linie Reihen von Pfählen mit nach vorn gekehrter Spitze ein, ein Kunſt⸗ riff dem ſie den gröſten Theil ihrer früheren Siege verdankten, indem die Franzöſiſche Reiterei 6 in den Palliſaden feſtrannte und haufenweiſe von den Engliſchen Bogenſchützen nieder⸗ doſtrect wurde. In dieſer gedeckten Stellung erwarteten die Engländer den Angriff mit ugeduld. Endlich als die Sonne ſich zum Untergange neigte, verſuchten die Engliſchen Ge⸗ nerale, durch höhniſche Herausforderung die Franzoſen in den Kampf zu locken. Vergebens, Johanna ging nicht in die Falle, ſondern fertigte die feindlichen Herolde mit der Antwort ab: „Geht in's Quartier für heute, denn es iſt ſchon ſpät; aber morgen werden wir, ſo Gott will und die heilige Jungfrau, uns näher ſehen.“ Da die Engländer hiernach auf jede Hoffnung verzichten muſten, den Feind zu einem unvorſichtigen Angriff auf ihre wohlverſchanzte Stellung zu verleiten, ſelbſt aber den Muth nicht hatten, einen Sturm auf die Franzoͤſiſche Schlacht⸗ linie zu wagen, ſo begaben ſie ſich insgeſammt nach Meun auf den Weg, um in dieſer Stadt das Rachtläger zu nehmen. Daſelbſt angelangt, beſchoßen ſie bis zum Morgen die Brücke, vhnd jedoch 1 ie durch Leute des Connetable verſtaͤrkte Beſatzung der Franzoſen zum Weichen zu bringen’s5.. 1 ohanna kehrte nach dem Abzug der Engländer mit ihrer Armee nach Baugenci zurück, wo mittlerweile kleine Gefechte mit den Belagerten ſtattgefunden hatten und das Geſchützfeuer nicht unterbrochen worden war⸗r. Die Nachtwache wurde dem Connetable als dem zuletzt Ge⸗ kommenen der Sitte gemäß übertragen und zugleich beſtimmt, daß derſelbe am Tälgeiden Tage die Belagerung der Brücke von dem linken Loireufer aus beginnen ſollters. Die Belagerten waren ugterdeſfen durch das Fehlſchlagen ihrer letzten Hoffnung in gänzliche Muthieſigkeit verſunken. Das furchtbare Schickſal, welches hes Brüder in Jargeau getroffen hatte, trat lhuene als Schreckbild vor die Augen. Um dieſem Außerſten vorzubeugen, knüpfte Richard
nethin ſpät Abends Unterhandlungen an. Die Jungfrau, welche nicht nach dem Blute ihrer Feiide lechzte und den ſchnellen Fall von Baugenci ſehnlichſt wünſchte, um mit ungetheilten Kräften der Engliſchen Armee zu Leibe zu gehen, ließ ſich bereitwillig auf den Vorſchlag ein, und ſo ward gegen Mitternacht folgender Vergleich abgeſchloßen: Die Engländer ſollten mit Anbruch des Tages der Jungfrau und dem Herzog von Alencon Brucke und Schloß für den Koͤnig Karl ausliefern und ungekränkt an ihrem Leben unter ſicherem Geleite abziehen; ihre Pferde, Rüſtungen und einen Theil ihrer beweglichen Habe mitzunehmen, ſollte ihnen geſtattet ſein, jeder aber durch Eidſchwur ſich verpflichten, vor Ablauf von zehn Tagen die Waffen nicht


