nach Reims auf keine Weiſe verzögert wurde. Davon aber war Johanna feſt überzeugt, daß höchſtens zehn Tage ansreichen würden, um die Loireſtädte der Gewalt des Feindes zu ent⸗ reißen¹s. Und deshalb durfte ſie den Beſchluß des Königs um ſo mehr willkommen heißen, als derſelbe, ohne der Hauptſache Eintrag zu thun, ebenſowohl die ſchnelle Fortſetzung des Krieges überhaupt ſicherte, wie einem beſondern Bedürfnis ihres Herzens Genüge that. Galt es ja, das Lehen des gefangenen Herzogs Karl von Orleans, dem Johannas Liebe und Für⸗ ſorge nächſt dem Könige am meiſten gehörte, von den Feinden vollends zu ſäubernis! 7
unſtreitig war es Johanna, welche die Aufmerkſamkeit des Königs aus Liebe zu dem Her⸗ zog von Orleans auf deſſen Schwiegerſohn, den Herzog von Alencon, hinlenkte, denn ſie ſelbſt uͤbernahm es, den letzteren zur Theilnahme an dem bevorſtehenden Feldzuge zu bewegen. Gegen den 23. Main reiſte ſie nach Saint⸗Florent-lés-Saumur, wo der Herzog mit ſeiner Gemahlin und ſeiner Mutter wohnte. Von der ganzen Familie mit all der Liebe aufgenom⸗ men, welche der Retterin von Orleaus gebührte, machte Johanna den Herzog mit dem Be⸗ ſchluße des Koͤnigs bekannt und ſchlug ihm vor, ſich dem Feldzuge anzuſchließen, welcher die Befreiung ſeines ſchwiegerväterlichen Lehens zum Zweck habe. Alengçon, welcher ſich erſt vor kurzem durch Verkauf eines Theiles ſeiner Beſitzungen aus der Engliſchen Gefangenſchaft ge⸗ löſt hatte, in die er am Tage von Verneuil gerathen war, nahm Johannas Antrag um ſo bereitwilliger an, als er im Kriege am leichteſten Schadenerſatz für die gebrachten Opfer zu erlangen hoffte. Um die Beſorgniſſe ſeiner Gattin zu zerſtreuen, genügte Johannas Wort: „Guädige Frau, fürchtet nichts, ich werde ihn Euch geſund wiedergeben und in demſelben oder in noch beßerem Stande, als er jetzt iſt.“ Nach drei bis vier Tagen kehrte Johanna zum Könige zurückis. Dieſer ernannte den Herzog von Alencon zu ſeinem Generallieutenant und übertrug ihm als ſolchem den Oberbefehl des Heeres, jedoch mit der ausdrücklichen Weiſung, daß er ſich in allen Stücken nach dem Rathe der Jungfrau richten ſolleld.
Bereits hatte der König ein Aufgebot in ſeinen Landen erlaßen, und Alençon bezeichnete nunmehr den Marſchällen von Rais und Sainte-Sévére, dem Grafen Dunois, dem La Hire und anderen Kriegsoberſten ein Dorf bei Romorantin als Vereinigungspunkt der Truppeno. Von allen Seiten eilten die Edlen mit ihren Dienſtmannen und die Waffenfähigen aus den Städten herbei, um unter der Jungfrau Siegesbanner für König und Vaterland zu ſtreiten. Viele Edelleute ſtellten ſich ein, ohne daß ein förmlicher Ruf an ſe ergangen war. Nicht an Gewinn dachte man, ſondern opferte willig, was man beſaß, um die Ehre eines ſolchen Kam⸗ pfes zu theilen. Denn man glaubte Johanna von Gott geſchickt zur Rettung Frankreichs und vertraute ſo ſicher auf Gottes Beiſtand, daß man zur Eroberung der Loirefeſten nicht längere Zeit zu bedürfen hoffte, als Orleaus Rettung erfordert hattez:. Es herrſchte eine allgemeine Be⸗ geiſterung für Johanna, namentlich überſchritt die Ehrfurcht des Volkes vor ihr alle Grenzen. Wie in Orleaus, ſo wurde ſie aller Orten als ein Engel des Herrn betrachtet. Die Leute warfen ſich nieder vor ihr, küſten ihr Hände, Füße und Kleider, ja ſchätzten ſich ſchon glücklich, wenn ſie auch nur ihr Pferd berühren konnten. Johanna beklagte, was ſie nicht ändern konnte.„Wahrhaftig,“ ſagte ſie zu dem Abt Peter von Verſailles, der ihr Vorhalt darüber that,„ich weiß mich nicht davor zu bewahren, wenn mich Gott nicht davor bewahren will.¹²² n Um dem Sammelpunkte der Armee näher zu ſein und ſchneller Nachrichten über die Feinde einzichen zu können, verließ Johanna ſchon zu Anfang des Juni Loches und begab ſich nach der ein paar Meilen von Romorantin entfernten Stadt Selles2s. Am 6. Juni traf daſelbſt der König und bald nach ihm auch der Herzog von Alençon ein mit einer Schar von Krie⸗
ern. Noch am Abend deſſelben Tages nahm Johanna Abſchied vom Koͤnige?¹. Um zweierlei at ſie ihn beim Scheiden: erſtlich um die Erlaubnis, recht viele Gefangene machen zu dürfen, um gegen dieſelben den Herzog Karl von Orleans einzutauſchenzs, und zweitens um möglichſte Beſchleunigung der Kriegsruͤſtungen für den Krönungszug nach Reims; denn, fügte ſie hinzu,


