21
Engländer zu Schanden werden” 163. Ein Uhr nach Mittag war's geworden, mehrere Stürme hatten die Feinde abgeſchlagen ¹64, der Muth der Tapfern begann zu wanken. Nur Johanna zagte nicht. Um die Ihrigen zu neuer That zu begeiſtern, ſprang ſie in den Graben, ergriff eine Leiter und ſtemmte ſie gegen den Schanzwall. In dieſem Augenblicke ſchwirrte der Pfeil, von dem ſie geweiſſagt hatte, und traf ſie oberhalb der Bruſt zwiſchen Hals und Schulter 6⸗ ſo ſcharf, daß er das Fleiſch durchſchnitt und einen halben Fuß lang hinter dem Halſe hervor⸗ trat. Johanna ſank zurück.*) Dennoch wollte ſie den Graben nicht verlaßen, mit Widerſtreben wurde ſie vom Kampfplatze gebracht. Dunois und andere Oberſten, ihr Kaplan und Page eilten herbei, Trauer und Zorn ergriff alle Krieger. Man nahm ihr den Bruſtharniſch ab. Vor Schmerz brach ſie in Thränen aus, doch bald ermannte ſie ſich, zog den Pfeil ſelbſt aus der Wunde und ſagte, geſtärkt von der heiligen Katharina:„Ich bin getröſtet.“ Es iſt Ruhm und nicht Blut was aus dieſer Wunde quillt, ſoll ſie hinzugefügt haben. Mehrere Soldaten erboten ſich, die Wunde zu verſprechen, indem ſie verſicherten, dieſelbe werde ſich ſogleich ſchließen; aber Johanna wies jene zurück mit den Worten:„Lieber will ich ſterben, als etwas thun, wovon ich weiß, daß es Sünde oder wider Gottes Willen iſt. Ich weiß, daß ich einmal ſterben muß, doch nicht wann, wo oder wie und in welcher Stunde. Kann ohne Sünde ein Heilmittel auf meine Wunde gelegt werden, ſo wünſche ich geheilt zu werden“.**) Nachdem man ſodann zur Stillung des Blutes Speck und mit Olivenöl getränkte Wolle auf die Wunde ge⸗ bracht hatte, beichtete ſie Pasquerel unter Thränen und Wehklagen ¹66.
Johannas Unfall und Eutfernung vom Heere hatte große Beſtürzung unter Hohen und Niederen verbreitet. Die Heldin erfährt es, und kaum iſt der Verband auf die Wunde gelegt, ſo läßt ſie ſich wieder mit der Rüſtung bekleiden, begibt ſich auf den Kampfplatz und ermuntert die Krieger zu neuem Sturmels:. Endlich zwiſchen vier und ſechs Uhriss ſchwindet den Feld⸗ herrn alle Hoffnung, die Feſte zu bezwingen. Die ungeheuren Anſtrengungen des Kampfes haben die Krieger erſchlafft und erſchöpft, die vielen fruchtloſen Angriffe ſie entmuthigt. Die Feldherrn kommen überein, das Heer von dem Bollwerke zurückzuziehen und die geſammte Ar⸗ tillerie wieder nach Orleaus hinüberzuſchaffen. Sie melden der Jungfrau den Beſchluß. Jo⸗ hanna ermahnt ſie mit kühnen Worten, den Muth nicht ſinken zu laßen. Vergebens, ſchon läßt Dunois die Trompeten zum Rückzug blaſen. Da fliegt Johanna auf Dunois zu.„Im Namen Gottes,“ ruft ſie, feſthaltend am Glauben, wo nichts zu hoffen ſchien,„Ihr werdet ſehr bald in der Schanze ſein, zweifelt nicht, die Engländer werden keine Macht mehr haben über Euch. Ruht ein wenig, eßet und trinket.“ Geſagt, gethan, alle gehorchten ihr auf wunderbare Weiſe. Und als ſie ſich durch Speiſe und Trank geſtärkt, ſprach Johanna wieder:„Gehet in Gottes Namen wieder zum Sturme vor, unfehlbar werden die Engländer nicht mehr im Stande ſein, ſich zu vertheidigen, ihre Türme und Bollwerke werden genommen werden“ ¹169. Hiermit gab ſie d'Aulon die Fahne, forderte ihr Pferd und ritt auf einen vom Menſchengewühle entfernten Weinberg. Da blieb ſie eine halbe Viertelſtunde im Gebet vor dem Herrn. Zu⸗ rückgekehrt zur Armce, ergriff ſie ihre Fahne*) und trat an den Rand des Grabens mit den
1
—) Der Herr von Gamaches, derſelbe mit dem Johanna vor wenigen Tagen(30. April) im Kriegs⸗ entathe Streit gehabr, ſoll der Sinkenden zu Hülfe geeilt ſein und ihr ſein Pferd mit den Worten angeboten haben:„Nehmet dieſe Gabe, tapfere Ritterin. Kein Geoll mehr, ich ſehe mein Un⸗ recht ein, als ich übel von Euch dachte., Johanna erwiderte:„Großes Unrecht hätte ich, wollte ich Groll nachtragen, denn nie ſah ich einen beßeren Ritter. Le Brun de Charmettes a. a. O. II, 96. Der Dichter O. V, 42 ſingt: Velox armiger unus, Virgineos artus et membra re- flexa recepit. 16f B i. *) Daß ſie an dieſer Wunde nicht ſterben würde, wuſte ſie und hat es dem Könige geſagt, O. I. 79.252. ***) D'Aulon erzählt auch bei uteſ Gelegenheit anſ gfaun welche ſein Verdienſt um die Erobe⸗ rung der Feſte darthun ſoll,. 111, 216. Müde von den Beſchwerden des Kampfes, hatte d'Au⸗ lon die Fahne einem ſtarken Krieger, Le Basque genannt, übergeben. Voll Schmerz über den


