Druckschrift 
3 (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12 und den befreundeten Landestheilen hinweggeräumt. Mag nun dies der wahre Grund geweſen ſein, oder mochten, wie die Quellen beſagen, die Feldherrn die Ueberzeugung hegen, daß zum Sturme auf die mächtigen Bolhwerke bei der Brücke ihre Kräfte nicht ausreichten: ſie beſchloßen zurückzukehren, ohne irgend etwas zu unternehmen¹zi. Damit war Johanna nicht einverſtan⸗ den. Unverzagt rückte ſie mit den wenigen Truppen, welche bereits übergeſetzt waren, gegen die Auguſtinerſchanze und pflanzte vor derſelben ihre Fahne auf*). Da erhob ſich ploͤtzlich ein Geſchrei, die Engländer ſeien von Saint⸗Privé mit Macht im Anzuge. Erſchrocken flohen die Franzoſen, und Johanna ſah ſich zu ihrem großen Leid gezwungen, dem Strome der Flüch⸗ tigen zu folgen. Kaum hatten die Franzoſen den Rücken gewandt, ſo kamen die Engländer ſcharenweiſe mit fliegenden Fahnen aus ihren Feſten hervor und ſetzten unter Hohngelächter und Schmähreden auf die Jungfrau den Fliehenden nach. Letztere eilten in raſchem Laufe dem Landungsplatze bei Saint-Jean-le-Blanc zu, wo die Herrn von Gaucourt, Villars und Aulen mit andern tüchtigen Kriegern zur Bewachung der Schiffbrücke aufgeſtellt waren, um für jeden Fall den Rückzug auf die Loireinſel zu ſichern ss. Ein Theil der Flüchtigen, auch Johanna, erreichte glücklich die Inſel, die übrigen aber geriethen in die äußerſte Gefahr vor dem Schwer⸗ te der Feinde. Als die Jungfrau die Bedrängnis ihrer Leute ſah, ſprang ſie, ihr Pferd am Zügel haltend, in einen Kahn La Hire ihr nach. Flugs am Ufer, ſchwangen ſich beide auf ihre Noͤſſſe und ſprengten mit eingelegter Lanze gegen den Feind los.In des Herrn Namen, rief Johanna, nur kühn auf die Engländer los! Und als ertönte dieſer Ruf vom Himmel herab, folgten die Höchſten wie die Geringſten unverzüglich dem Beiſpiele der Heldin. Viele auf der Inſel warteten nicht, bis ſie trockenes Fußes nachkommen konnten, ſondern ſtürzten ſich in den Fluß und eilten, bisan die Achſeln im Waßer, an's Land. Von dem Muth ihrer Führerin durchglüht, ſtürmten alle unaufhaltſam auf die Engländer ein. Dieſe aber, beim An⸗ blick der Jungfrau von Schrecken ergriffen, wichen in haſtiger Flucht in ihre Bollwerke zurück und ließen viele Todte auf dem Platzess. Zum zweiten Male pflanzte Johanna ihr Banner an dem Graben der Auguſtinerſchanze auf. Sogleich war auch der Marſchall von Rais zur Stelle, und immer neue Kriegerhaufen ſtrömten mit ihren Führern herbei. Ein mörderiſcher Kampf begann. Die Engländer, auf's Aeußerſte gebracht, wehrten ſich auf Tod und Leben, manche ſchoͤne Waffenthat ward von beiden Seiten verrichtet. Aber nur kurze Zeit vermochten die Engländer dem ungeſtümen Andrang der Franzoſen zu widerſtehen. Stürmend erſtiegen dieſe, von Johanna beſtändig angefeuert, den Schanzwall**) von allen Seiten, und drangen

*) Renzi führt S. 39 aus, das Aufgeben von Saint-Jean⸗-le-Blanc ſei eine Kriegsliſt, eine Falle geweſen, welche die Engländer den Franzoſen geſtellt hätten, um ſie von dem Loireufer weg nach der Brücken⸗ und Auguſtinerburg hinzulocken: Le général Suffolck avait deviné ou peut-etre appris le plan arreté par le conseil; il avait concu, lui aussi, un contre-projet pour reprendre

boffensive. Dans ce but, il avait fuit retirer dans la Bastille des Augustins et dans les Tou-

relles les forces qui occupaient la Bastille de Saint-Jean-le-Blanc, il avait fait marclier des renforts de la rive droite, par l'ile Charlemagne, pour attaquer vivement les Francais à l'improviste et les refouler en désordre sur la Loire. Suffolck avait bien calculé, mais il a-

2ait compté sans Jeanne Darc. 1. ¹**) D'Aulon erzählt, Q. III, 2114 sq., ſehr ausführlich folgende Geſchichte, wodurch er ſeinen Antheil an der Eroberung der Feſte ins Licht ſtellt. Während d'Aulon mit andern bei Saint⸗Jean-le- Blanc Wache hielt, eilte ein ſtattlicher Krieger an ihm vorüber. d'Aulon rief ihm zu, er möge bei ihm bleiben. Jener weigerte ſich. Dies verdroß einen Spanier in d'Aulons Gefolge, Na⸗ mens Alſons von Partada. Ihr könnt, rief dieſer dem Franzoſen zu, eben ſo gut hier bleiben,

wie andere, es ſtehen hier Leute, die eben ſo ſtark ſind, wie Ihr. Ich thu's nicht, erwiderte

der Spanier. Darob wechſelten beide noch manch trotziges Wort, dis ſie zuletzt eins wurden, mit einander gegen den Feind zu gehen, dann werde man ſehen, wer von ihnen der Tapferſte ſei. Alſo gaben ſie ſich die Hand und liefen aus Leibeskräften bis an das Scoad wfc der Feſte.