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Schreckens abzuſtumpfen. Ob und wieviel Wahres an dieſer Anſicht iſt, läßt ſich wenigſtens aus den Quellen nicht entſcheiden. Fragen wir die Franzoſen, ſo ſtimmen alle in der Antwort zuſammen, daß Furcht die Engländer gefeßelt habe.„Die Engländer ſchienen, ſagt Alain Char⸗ tier, aus Männern Weiber geworden.“ Und Dunois:„Während ſeither 200 Engländer 800. bis 1000 Franzoſen in die Flucht jagten, ſo nahmen es von jetzt an(d. h. ſeit Johanna am 30. April die Engliſchen Feldherrn ſchriftlich aufgefordert hatte, die Belagerung aufzuheben) 400 oder 500 Franzoſen im Kampfe mit der ganzen Engliſchen Macht auf und trieben die Engländer dergeſtalt in die Enge, daß ſie nicht wagten, ihre Schlupfwinkel zu verlaßen?o. Das Gleiche wird, wenn auch nicht ausdrücklich für den gegenwärtigen Zeitpunkt, von Freund und Feind bezeugton. Und daß dieſes Urtheil im weſentlichen richtig, daß der Entſchluß der Engliſchen Feldherrn, ſich lediglich auf die Vertheidigung zu beſchränken, unter dem Druck der Furcht gefaßt worden iſt, beweiſt, von allem andern abgeſehen, eine Thatſache mit überzeugender Klarheit. Wir meinen die Thatſache, daß die Engländer am erſten Mai dem Grafen Dunois den Durchzug zwiſchen ihren Feſtungen ohne Widerſtand geſtatteten.„Gott ſei Dank,“ ruft d'Aulon noch nach Jahren aus, und er hat volle Urſache dazu. Denn die Straße, welche nach Blois führte, wurde von den ſtarken Bollwerken London, La Croix⸗Boiſſée, Sanct-Laurentius und dem bei letzterem errichte⸗ ten, mit zahlreichen Streitern gefüllten Feldlager beherrſcht. Ueberdies konnten nöthigenfalls in kürzeſter Zeit beträchtliche Zuzüge aus den benachbarten Burgen und Feldſchanzen herange⸗ zogen werden. Aber auch ohne dieſe waren die Engliſchen Kräfte den Franzöſiſchen bei weitem überlegen, wie aus d'Aulons Darſtellung mit Sicherheit zu ſchließen iſts.. Noch war ja die Kriegsmacht der Franzoſen nicht in Orleans beiſammen. Und welchen Preis galt es doch! Keinen geringeren, als den heldenherzigen Vertheidiger von Orleans mit ſeiner Geleitſchaft auf⸗ zuheben und die Jungfrau zu ſchlagen oder gar gefangen zu nehmen. Gelang der Streich, ſo war mit einem Schlage alles gethan, die letzte Hoffnung der Belagerten zertrümmert; zogen dagegen die Engländer den Kürzeren, ſo ſtand ihnen die Zuflucht in ihre Feſten offen. Wenn je, ſo war jetzt eine raſche That geboten. Und warum verſäumten die Engländer die ſo gün⸗ ſtige Gelegenheit? Etwa weil Sonntag war? Aber wie oft hatten ſie an Sonntagen ge⸗ kämpft!93 Nicht die Vorſicht der Beſonnenheit, ſondern die Uebelberathenheit der Furcht hat ſie geleitet. Das kühne Selbſtvertrauen, womit ſie früher oftmals in kleiner Schar große Feindes⸗ maſſen beſiegt hatten, war geſchwunden und hatte einer unverzeihlichen Zaghaftigkeit Platz gemacht. Uebertriebene Vorſicht iſt ein ſicheres Merkmal der Furcht. Doch dürfen wir dieſe Furcht weder bei den Engliſchen Soldaten noch weniger bei den Feldherrn ſogleich zur Feigheit vollendet den⸗ ken. Sie war noch auf den erſten Stufen, denn nicht in einem Tage wird der Tapfere zur Memme. Auch mögen wir es für jetzt ganz dahingeſtellt ſein laßen, ob die Beſorgniſſe der Feldherrn mehr durch die Perſon der Jungfrau oder durch die Begeiſterung der Franzöſiſchen Armee hervorgerufen waren. 1 n
Nicht ganz ſo halt⸗ und grundlos erſcheint der Entſchluß der Engländer, die Feinde ohne Schwertſchlag in Orleans einzulaßen. Vergegenwärtigen wir uns genau die Verhältniſſe der Belagerung, ſo vermögen wir wenigſtens einige Beweggründe zu entdecken, welche, wie es ſcheint, dies Verfahren veranlaßten und wenn auch keineswegs rechtfertigen, doch ei⸗ nigermaßen entſchuldigen. Unterſuchen wir zunächſt die Stärke der Engliſchen Armee. Die Franzoſen reden bei jeder Gelegenheit von der Uebermacht ihrer Gegnerot. Das aber iſt nur für einzelne Fälle und ſo lange richtig, als die Hülfsmannſchaft von Blois nicht angekommen war. Die Belagerungsarmee beſtand aus ungefähr 5000 Mann*). Schlagen wir die Zahl
*) Dies ergibt ſich, wenn man die bei den Stürmen auf die Sanct⸗Lupusſchanze und die ſüdlichen Bollwerke gebliebenen und gefangenen(6— 800 nach Monſtrelet, G. IV, 366) Engländer mit den nach Aufhebung der Belagerung abziehenden(nach J. Chartier, Q. IV, 63, ungefähr 4000, nach Eberhard von Windecken, 0. 1V, 496, bloß 3000 Mann) zuſammenrechnet. 2


