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und ließen vor ihren Augen die Franzöſiſchen Truppen ſammt den Vorräthen unter den Ge⸗ ſängen der voranſchreitenden Prieſter vorbeiziehen. Die Franzoſen ſtaunten über das Wun⸗ der. Ohne Schwertſtreich erreichte das Entſatzheer, mit der Jungfrau und ihren Gefährten ver⸗ einigt, die Stadt, wo ein nicht enden wollender Jubel der Begeiſterung die Retter empfingss. So war denn nach allen Seiten hin erfüllt, was Johanna ſchon in Poitiers vorausgeſagt haben ſoll und was ſie ſeitdem bei jeder Gelegenheit wiederholt hatte:„Wir werden die Vor⸗ räthe mit Leichtigkeit nach Orleans bringen und kein Feind wird Miene machen, uns darau zu hindern“ s87. Die Bedenklichkeiten der Feldherrn waren durch die That widerlegt, Johannas Ver⸗ Heiun als Gottes Wille durch den Erfolg beglaubigt, ja— was noch mehr— die Armee atte am Ende gerade auf dem Wege in Orleans einziehen müßen, den Johanna urſprünglich vorgeſchrieben. Alles natürlich und alles doch ein Wunder der göttlichen Vorſehung. er Die Tage ſeit dem 29. April, gleichſam das Vorſpiel des blutigen Dramas, waren ohne glänzende Waffenthat verfloßen, verloren aber waren ſie nicht. Der Aufſchub war der Jung⸗ frau zum Segen, den Förinden zum Unheil geworden. Freund und Feind ſchienen ſich zu dem Zwecke die Hand gereicht zu haben, Johannas Werk zu fördern. Indem die Franzöſiſchen Heer⸗ führer, ihrem eigenen Rathe folgend, den Weg durch die Sologne einſchlugen, wurden ſie die Urſache, daß Johannas Prophezeiung ſich nicht bloß einmal, ſondern mehrmals unter den auffallendſten Umſtänden verwirklichte; und indem die Engliſchen Feldherrn an dem Grundſatz feſthielten, ihre Wälle nicht zu verlaßen, bereiteten ſie ihren Soldaten das Schauſpiel, die Er⸗ füllung jener Weiſſagung faſt täglich vor Augen zu ſehen. Während auf dieſe Weiſe der Glaube der Franzoſen an Johannas göttliche Begabung ſtets neue Nahrung bekam, konnte es nicht fehlen, daß ſo ſprechende Thatſachen auch auf die Gemüther der Engliſchen Soldaten ei⸗ nen tiefen Eindruck machten, zumal dieſelben ſeit längerer Zeit in Spannung gehalten waren. Auch in das Engliſche Lager war nämlich die Kunde von der Ankunft der Jungfrau in Chinon gedrungen, das Gerücht von ihrer Prophetengabe, ihrer Verheißung Frankreich zu retten, von ihrem Verkehr mit Geiſtern, ihren vielen Wunderthaten hatte ſeit zwei Monaten Englän⸗ der ſowohl als Franzoſen bewegt, jenen wie dieſen war die Weiſſagung, daß eine Jungfrau die Engländer aus Frankreich vertreiben würde, zu Ohren gekommen und hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Zwar wißen wir nicht, in wieweit ſchon damals der Wahn, daß Johanna mit dem Teufel im Bunde ſtehe und über Kräfte des Abgrundes gebiete, bei den Engliſchen Solda⸗ ten Wurzel gefaßt hattess; ſoviel aber iſt gewis, daß das Verhalten der Engliſchen Feldherrn ganz darnach angethan war, um ihren Leuten ernſte Befürchtungen einzuflößen und dem Feinde auf jede Weiſe in die Hand zu arbeiten. Aus der übermäßigen Vorſicht und außergewöhnli⸗ chen Unthätigkeit ihrer Führer muſten die Engliſchen Soldaten den Schluß ziehen, daß dieſen die Ankunft der Jungfrau trotz der Verachtung, welche ſie gegen deren Perſon zur Schau tru⸗ gen, keineswegs als ein gleichgültiges Ereignis erſcheine. Die Franzoſen hingegen glaubten durch einen Bann von oben die Arme ihrer Gegner gelähmt, und die Ruhe der erſten Tage verſchaffte der Jungfrau freien Spielraum, die hinreißende Gewalt ihrer Perſoͤnlichkeit, wodurch ſie überall den bedeutendſten Einfluß geübt hatte, in vollem Maße auf ihr Volk wirken zu laßen*). Bürger und Soldaten ſahen in ihr das Bild der Heiligen und der Heldin zumal, Johannas Glaube, daß Gott ſie geſandt, ward der ihrige, und ſomit wuſten ſie ſich unter der Jungfrau Führung von Gott ſelbſt zum Siege geführtss. †1.9 2 9 6 Wie nun erklären wir das ganze Verhalten der Engliſchen Feldherrn? Hume meint, ihr Verfahren ſei aus der Abſicht entſprungen, durch Zeit und Gewöhnung den Eindruck des erſten
*) Die Beweiſe davon ſind theils in dem bisher Erzählten, theils in den Schilderungen enthalten, welche die Bewohner Orleans von dem Character und Wandel ihrer Befreierin entworfen haben. Wir haben dieſelben Zug für Zug zur Zeichnung von Johannas Characterbild benutzt, ſ. Theil I. S. 16 ſq. Anm. 13 bis 59, 234 bis 258. ns 1 159 3198 1:561g1utchs676 ai


