7
man Mühe hatte durchzukommen. Die Leute konnten ſich an der Jungfrau gar nicht ſatt ſehen, alle wunderten ſich über ihre ſtattliche Haltung zu Roſs, die dem geübteſten Reiter Ehre gemacht hätte. Jahanna ließ es ihrerſeits an erhebender Anſprache nicht fehlen. Unabläßig beſtrebt, den Geiſt des Glaubens, der ſie ſelbſt beſeelte, in den Gemüthern zu entflammen und zu bele⸗ ben, wiederholte ſie allenthalben:„Hoffet auf den Herrn, ſo wird er Euch von Euren Feinden erretten. Der Herr hat mich geſandt, um der guten Stadt Orleans zu Hülfe zu kommens:.“
Am 2. Mai beſchloß die Jungfrau, in Geſellſchaft einiger Oberſten und Ritter die Engliſchen Belagerungswerke zu Pferde in Augenſchein zu nehmen. Eine Maſſe Volks, froh ſie zu ſehen und um ſie zu ſein, verließ mit ihr die Stadt, jede Furcht ſchwieg in ihrer Nähe. Nachdem ſie unge⸗ ſtört die ganze Reihe der feindlichen Befeſtigungen beſchaut hatte, kehrte ſie in der Abendſtunde nach Orleans zurück und hörte, wie gewöhnlichss, im Dom zum heiligen Kreuz die Vesperss.
Dienſtag(3. Mai) langten die Franzöſiſchen Beſatzungen von Montargis, Gien, Chateau⸗ renard, Gatinais und Chateaudun in Orleans an. Johanna widmete dieſen Tag vorzugs⸗ weiſe dem Gebet und kirchlicher Andacht. Eine feierliche Proceſſion wurde auf ihren Betrieb ver⸗ anſtaltet, um den Beiſtand des Herrn zur Befreiung Orleans anzurufen, namentlich ſeinen Schutz für die zurückerwartete Armee von Blois zu erflehen. Gegen Abend lief die Nachricht ein, das Heer von Blois ſei mit ſeinen Führern unterwegsss. In Blois hatten inzwiſchen unter dem Vorſitz des Erzbiſchofs von Reims Berathungen ſtattgefunden, deren Gegenſtand kein ge⸗ ringercr, als die Frage war, ob die Truppen wieder nach Orleans zurückkehren ſollten oder nicht. Solch heilloſes Spiel durfte einer der höͤchſten Hofbeamten wagen, wagen deshalb, weil ſein König nicht viel mehr als eine Null war. Und wie ſo gar nicht unbegründet war doch Jo⸗ hannas Argwohn geweſen, es könne der Rückmarſch der Armee die Nimmerwiederkehr derſelben zur Folge haben! Wie gerechtfertigt erſcheint ihr ſtetes Drängen zur That, inſofern es Du⸗ nois Reiſe nach Blois veranlaßte, ohne welche des Erzbiſchofs Ränke wenn auch nicht ganz, doch wahrſcheinlich theilweiſe gelungen wären. Dunois trat gerade im entſcheidenden Augen⸗ blicke in den Verſammlungsſaal. Manche hatten ſich bereits dahin ansgeſprochen, es ſei das Beſte, daß jeder in ſeine Garniſon zurückgehe, die Mehrzahl aber hielt noch feſt an dem der Jungfrau gegebenen Worte. Dunois Bitten und Vorſtellungen, Orleans ſei verloren, wenn das Heer ſich auflöſe, man ſolle ſo ſchleunig und zahlreich, als möglich, der Stadt zu Hülfe eilen, gaben den Ausſchlag. Die Rückkehr ward beſchloßen*). Demzufolge zogen die beiden Marſchälle, Dunois, d'Aulon und die anderen Kriegsoberſten am 3. Mai mit den Truppen und neuen Vorräthen von Blois ab und ſchlugen diesmal der Verabredung gemäß den Weg längs dem rechten Loireufer durch die Beauce ein. Schon am Morgen des 4. Mai kamen ſie vor denſelben Belagerungswerken der Engländer an, zwiſchen welchen Sonntags vorher Dunois hindurch geritten war. Sofort ging Johanna, begleitet von La Hire, Florent d'Illiers, Alain de Giron, Jamet de Tillay, de Villars und einer Auswahl von Kriegern, im ganzen mit 500 Mann, den Ankommenden bis vor die feindlichen Feſten entgegen, um den Durchzug derſelben zu decken und die Feinde im Rücken zu bedrohen, ſofern ſie einen Ausfall unternehmen ſollten. Allein die Engländer blieben mit den Waffen in der Hand unbeweglich hinter ihren Wällen
2) Jean Chartier, Q. IV, 55 sq., und die Chronik der Jungfrau, 0. IV, 221 sq., die nach ihm, jedoch nicht ohne wichtige Aenderungen, erzählt, ſind hier die alleinigen Quellen. Jener berichtet, von allen ſei die Rückkehe beſchloßen worden, die Chronik, nur von faſt allen. Vielleicht will ſie damit nur den Erzbiſchof und einen oder den andern ſeiner Trabanten ausſchließen, we⸗ nigſtens ſagt ſie kurz vorher: aber ſie waren alle der Meinung, daß ſie zurückkehren müſten. Bedeutſam genug ſtimmen beide Berichterſtatter darin überein, die Armee ſei bei dem Marſch durch die Sologne dreimal ſo ſtark geweſen, wie bei dem Marſch durch die Beauce, Angaben welche übrigens von anderer Seite nicht beſtätigt werden. Sicher irrig iſt bie Abweichung der Chronik, wonach Dunois nicht perſönlich, ſondern durch Botſchaft die Gefahr Orleans und die Nothwendigkeit baldiger Hülfe dargeſtellt hätte.


