Druckschrift 
3 (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

nois ihr das Verſprechen gegeben, am folgenden Tage mit d'Aulon und andern Hauptleuten ſelbſt nach Blois aufzubrechen und für ſchleun ge Wiederkehr der Truppen Sorge zu tragen. Noch auf dem Heimwege ſprach Johanna gegen Ludwig von Contes ihren Unwillen über die Vereitelung ihres Vorhabens aus.

So kam es an dieſem Tage zu keiner anderen Waffenthat, als zu einem erbitterten Vor⸗ poſtengefechte unter La Hires und Florent d'Illiers Leitung. Wohl aber führte Johanna am Abend ihren Entſchluß aus, den Feind nochmals zum friedlichen Abzug von Orleans zu er⸗ mahnen::. Ihr erſtes Schreiben hatte ſie von Blois durch einen Boten an die Engliſchen Feldherrn geſandt. Dieſe hatten die Jungfrau keiner Antwort gewürdigt, ſie vielmehr mit ge⸗ meinen Schmähreden überhäuft und den Boten zum Gefangenen gemacht:s. Jetzt ſchickte Jo⸗ hanna ihre beiden Pereſbe in die Sanct-Laurentiusfeſte an Talbot und die übrigen feindlichen Heerführer, um denſelbeu einen, wie es ſcheint, gleichlautenden Brief zu überreichen und die Auslieferung des Boten zu verlangen. Die Engliſchen Generale glaubten einem Weibe gegen⸗ über, das ſie für eine Ketzerin hielten, nicht an die Geſetze des Völkerrechts gebunden zu ſein; ſie ließen den einen der Herolde, Guienne, feſtnehmen und der Jungfrau durch den andern, Ambleville, ſagen, ſie ſei eine Kuhmagd, eine Soldatendirne und ſolle verbrannt werden, wenn man ihrer habhaft würde, gleichwie ihre Herolde.Sie werden ihnen nichts zu Leide thun, ſprach Johanna unerſchrocken?. Nach Gottes Gebot war ja die Aufforderung ergangen, wie ſollte ſie die Ueberbringer derſelben nicht unter Gottes Hut wißen 280

Noch an demſelben Abend begab ſich Johanna auf die Brücke zu dem Franzöſiſchem Boll⸗ werk vom ſchönen Kreuz, um eine gleiche Mahnung zu friedlichem Entſatze der Stadt auch an den Oberbefehlshaber auf der Südſeite zu richten. Mit lauter Stimme rief ſie Glasdale zu: Im Namen Gottes ziehet ab, ſonſt werde ich Euch mit Waffengewalt vertreiben. Glasdale und ſeine Gefährten warfen ihr aus den Tournellen dieſelben Schimpfworte und Drohungen zu, wie Talbot.Meinſt Du, wir ſollten uns einem Weibe ausliefern, ſchrie der Baſtard von Granville und nannte die Franzoſen, welche die Jungfrau umſtanden, Ungläubige, weil ſie ſich mit einer ſolchen Dirne abgäben(maquereaulx mescréans). Da ſoll Johanna in der Aufwallung gerechten Zornes Glasdale Lügen geſtraft und ihm verkündigt haben, ſie würden wider Willen abziehen müßen, er aber werde das nimmer ſehen, ſondern ſterben ohne zu bluten, und ebenſo würden viele von ſeiner Mannſchaft umkommen. Darnach ging die Jungfrau in die Stadt zurück und verrichtete ihren Abendgottesdienſt in der heiligen Kreuz⸗ kirche. Hier wurde ſie von Johann von Mascon, der im Rufe hoher Weisheit ſtand, gefragt: Meine Tochter, biſt du gekommen, um die Belagerung aufzuheben?Ja, antwortete ſie, im Namen Gottes.Meine Tochter, fuhr Johann von Mascon fort,die Feinde ſind ſtark und ihre Schanzen wohl befeſtigt, es wird ſchwer halten, ſie daraus zu vertreiben. Johanna erwiderte:der Macht Gottes iſt nichts unmöglichst.

Am folgenden Tage(Sonntag 1. Mai) reiſte Dunois der Verabredung gemäß mit d-Au⸗ lon und einer kleinen Schar von Rittern und Soldaten nach Blois. Zugleich rückten Johanna und La Hire an der Spitze einer erleſenen Mannſchaft aus, um ihnen beim Durchzug durch die feindliche Linie Schutz zu gewähren. Die Jungfrau nahm ihre Stellung zwiſchen der Stadt und den feindlichen Schanzen, welche die Straße nach Blois beherrſchten. Indem ſie auf dieſe Weiſe die Aufmerkſamkeit der Feinde beſchäftigte, kam Dunois mit ſeinen Begleitern über den Bereich der Gefahr hinaus, ohne angegriffen zu werden. Als Johanna die Ihrigen in Sicher⸗ heit wuſte, näherte ſie ſich dem Bollwerke von Croix-Morin und rief der Beſatzung zu:Um Gotteswillen kehret heim nach England, Euer Leben ſoll unverletzt ſein, oder ich werde Euch zornig machen. Mit ebenſo ſchmutzigen Scheltworten wurde ſie abgefertigt, wie am Abend zuvor bei dem Schloß der Türme.

Nach Orleans zurückgekehrt muſte Johanna dem ungeſtümen Verlangen des Volkes, welches um ſie zu ſehen die Thüren ihres Hauſes beinahe erbrach, nachgeben und ſich zu einem Zug durch die Stadt entſchließen. Die Straßen, durch welche ſie ritt, waren ſo gedrängt voll, daß