5
frau auf einem weißen Ehrenroſs*). Vor ihr her ward von einem Pagen die Fahne des Er⸗ löͤſers getragen. Ihr zur Linken ritt Graf Dunois, ebenfalls in reichem Waffenſchmuck, auf ſtolzgezäͤumtem Roſſe und hinter beiden das ganze ſtattliche Geleit. Eine unabſehbare Menge von Menſchen aller Stände und Alter drängte ſich ihr unter Fackelſchein entgegen. Jeder wollte die Retterin begrüßen, ſie ſelbſt oder mindeſtens ihr Pferd berühren. In der Zuverſicht ihrer Glaubensbegeiſterung fühlten ſich alle ſchon von der Belagerung befreit, denn ſie zweifelten nicht an Johannas göttlicher Berufung. Es war ihnen, als ſähen ſie„einen Engel Gottes“, ja „Gott ſelbſt vom Himmel in ihre Mitte herniederſteigen“. Unter ſolchem Schutze hielten 1 ſich fortan für unüberwindlich, und damit waren ſie es. Der Glaube ward ihr Sieg. In dieſe Stimmung ſchlug wie ein Blitz von oben Johannas Ermahnung, auf Gott zu hoffen, und der Troſt ihrer Verheißung, das Ende aller Mühſal ſei für die Stadt erſchienen, ſo man Glauben und Vertrauen auf Gott habe. An der Kathedrale, die heilige Kreuzkirche genannt, hielt Johanna ſtille, um dem Herrn für die erfahrene Gnade zu danken:³. Nach beendigter Andacht wurde ſie von Dunois unter andauerndem Jubel des Volkes bis an das weſtliche Thor(Regnart) von Orleans gebracht, wo ſie mit d'Aulon und mehreren⸗Perſonen ihres Ge⸗ folges in dem Hauſe des Jacob Boucher, Schatzmeiſters der Stadt und des Herzogs von Or⸗ leans, eine Wohnung erhielt, von welcher aus ſie die ganze Belagerung überſchauen konnte:. Jetzt erſt legte ſie ihre Waffen ab, die ſie ſeit dem Auszug aus Blois beſtändig getragen hatte. Man überhäufte ſie mit Freundlichkeit und ſetzte ihr ein reiches Mahl vor; aber trotzdem daß ſie während des ganzen mühevollen Tages, wie die Chronik der Jungfran behauptet, weder et⸗ was gegeßen noch getrunken hatte, genoß ſie weiter nichts als ein paar Schnitten Brot in ge⸗ miſchten Wein getaucht. Kurz nachher legte ſie ſich mit der Tochter des Wirtes zur Ruheis.
Am nächſten Morgen(Sonnabends 30. April) kamen die Feldherrn und Oberſten bei Dunois zum Kriegsrathe ASnan Johanna erkärte ſich entſchloßen, eine zweite Aufforde⸗ rung zu gutwilliger Aufhebung der Belagerung an die Engländer zu erlaßen, und falls dieſe wie die erſte fruchtlos bleiben ſollte, den Kmiecden Aufſchwung des Volkes ſofort zum Angriff auf die feindlichen Schanzen zu benutzen. Der alzzeit ſchlagfertige La Hire und der heißblütige Florent d'Illiers, der einen Tag vor Johanna in Orleans eingerückt war, ſprachen ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach in gleichem Sinne aus. Die Mehrzahl der Anweſenden, worunter auch Dunois, war dagegen der Anſieht man dürfe vor der Rückkehr der Armee von Blois kein ent⸗ ſcheidendes Unternehmen wagen. Es kam zu heftigen Auftritten**). Die Rückſichten menſchlicher Klugheit und Vorſicht, welche die Oberſten geltend machten, hatten für Johanna wenig Ge⸗ wicht, da ſie ihre Stärke lediglich in die Kraft Gottes ſetzte, der ihr durch die Heiligen die Befreiung verbürgt hatte. Nur mit innerſtem Widerſtreben fügte ſie ſich zuletzt, nachdem Du⸗
*) Le Brun de Charmettes 1. 1. II 1: Les chevaux blancs étaient un attribut de la souverai- .]„;..
neté; les rois, les papes, les empereurs d'Allemagne, lorsqu'ils faisaient ou une marche solen-
nelle, ou leur entrée dans quelqu'une de leurs villes, ne montaient que des chevaux blancs.
) O. IV, 358 theilt der Lebensbeſchreiber des Königlichen Oberjägermeiſters W. von Gamaches die Worte mit, welche letzterer in der Verſammlung geredet haben ſoll:»Weil dem denn alſo iſt, ihr Ritter, daß ihr lieber auf den Rath einer naſeweiſen Dirne von gemeinem Herkommen, denn auf den eines Mannes, wie ich bin, hört, ſo will ich kein Wort mehr darüber verlieren; am rechten Ort und zur rechten Zeit ſoll meine Klinge ſprechen, mag ſein, daß ich dabei mein Leben verliere, aber ſo muß es ſein für den König und meine Ehre, und von dieſem Augenblick an falte ich mein Banner zuſammen und bin nichts mehr, als ein gemeiner Schildknappe. Denn lieber will ich einen Edelmann zum Herrn und Meiſter haden, als eine Frau, von der man vielleicht gar nicht weiß, wer ſie iſt.« Hiermit faltete er ſein Banner zuſammen und überreichte es dem Grafen Dunois. Jedoch gelang es den anderen Oberſten ſeinen Zorn zu beſchwichtigen und ihn zu vermögen, daß er die Jungfrau auf die Wange küſte, wozu beide ſich nur mit Widerwillen verſtanden. 1


